Ein neues Leben für alte Bücher

Viel zu schade für den Eimer sind für Bernadette Hartl — „Die Bernanderl“ — aus Steyr alte Bücher, Krawatten und Co. Sie hat sich nebenberuflich dem Upcycling verschrieben und stellt aus Lesestoff, der nicht mehr gelesen wird, Taschen her, die Henkel entstehen aus dem Stoff abgegebener Krawatten, auch die alten Seiten bekommen im Steyrer Atelier ein neues Leben geschenkt.

Bernadette Hartl mit einer ihrer Taschen aus dem Buch „Die Linzer Grottenbahn“ © klartext-kreil.at

Von Astrid Braun

Retro ist in, Upcycling auch. Aus Altem Neues zu machen tut nicht nur der Umwelt gut. Es ist erstaunlich, was auf diesem Wege alles entstehen kann. Dem Upcycling-Trend folgend hat auch Bernadette Hartl eine Nische für sich entdeckt. Die 40-Jährige fertigt unter ihrem Label „Bernanderl“ Taschen aus alten Büchern. Da kommen Menschen mit antikem Lesestoff aus Leinen, eine Lehrerin ließ ihr altes Geschichtebuch verarbeiten, eine andere Kundin ein Buch, das sie von Oma geschenkt bekam. Auch Kinderbücher, Bilder, Fotos oder Notenblätter verwandelt Hartl in Taschen. „Sehr berührend ist es, wenn Menschen mit Dingen verstorbener Angehöriger kommen und diese verarbeiten lassen, um sie bei sich zu tragen“, erzählt Hartl, die Ende November ihr Atelier im neu restaurierten Gewölbe in der Fabrikstraße 8 in Steyr eröffnete. Für die Henkel, Seitenteile und Verschlüsse der Taschen verarbeitet sie Krawatten. „Die sind aus edlen Stoffen und werden farblich abgestimmt auf das Buch ausgewählt“, sagt „Die Bernanderl“. So kam es schon vor, dass sich eine Witwe aus der Krawatte des verstorbenen Ehemanns eine Kette machen ließ, um sie nah bei sich zu tragen.

Männerkollektion in Planung

Handwerklich war Hartl, die Ende Jänner ihr drittes Kind erwartet, immer schon begabt. Das Schneidern lernte sie in der HBLA. Ihre Liebe zu alten Dingen kam durch den Vater, der sich besonders für Antiquitäten interessierte. „Als ich von Alberndorf in der Riedmark aus beruflichen Gründen nach Steyr gezogen bin, suchte ich nach Einrichtungsgegenständen am Flohmarkt“, erinnert sich Hartl, die als Marketingleiterin an der FH Steyr tätig ist. Aus alten Büchern bastelte sie sich ein scheinbar „schwebendes“ Bücherregal, wie sie es im Internet gesehen hatte. Dabei kam sie auf die Idee, dass man aus dem Bucheinband doch mehr machen könnte, eine Box … oder eben eine Tasche.

„Während der Schule und des Handelswissenschafts-Studiums war ich fünf Jahre in Japan und Korea. Dort bin ich erstmals mit der Papierkunst in Berührung gekommen. Ich habe Möbeln und Lampen aus Karton und Papier hergestellt“, erinnert sich Hartl. In Los Angeles sah sie einmal einen Rock aus Krawatten. Den wollte sie nachmachen. „Das wurde überhaupt nichts. Aber die Krawatten hatte ich noch auf dem Dachboden. Als ich ein altes Buch in Händen hielt, das optisch genau zu einer Krawatte vom Dachboden passte, war die Idee geboren, beides zu verbinden“, freut sich Hartl noch heute über diese Idee. Kaum wurde die erste Tasche von ihr selbst ausgeführt, gab’s die ersten Aufträge. „Ich wurde angesprochen und stellte weitere Taschen her.“ Die Krawatten bekommt sie mittlerweile säckeweise von den Menschen. Auch die Buchseiten schmeißt Hartl übrigens nicht in den Eimer. Daraus stellt sie Einbände für Notizbücher her. „Ich schaue mir jedes Buch durch.“ Auch eine Männerkollektion mit Schatullen aus Büchern, Tablet- und E-Reader-Hüllen schwebt ihr vor.

Erste Auslandsbestellung eingelangt

Auch eine Bestellung aus dem Ausland ist bei Hartl schon eingegangen. „Deutschland hat mich entdeckt“, lacht die Oberösterreicherin. „Eine Frau aus Leipzig hat das Internet durchforstet. Sie fand auch andere Anbieter, aber die Produkte gefielen ihr nicht so gut, wie meine. Das hat mich gefreut“, strahlt Hartl. Die Bestellung: Eine Tasche aus dem Buchcover von „The lost memoirs of Jane Austen“ von Syrie James.

Eine kleine Tasche ohne Reißverschluss startet übrigens bei einem Preis von 40 Euro. Große Taschen mit Fächern kosten bis zu 160 Euro. Hartls Traum: „Eine Kooperation mit Lena Hoschek (österreichische Modedesignerin, Anm.). Ich mache auch trachtige Taschen, ich glaube, unsere Produkte würden gut zusammenpassen. Überhaupt lassen sich meine Taschen gut zu Tracht tragen. Das wäre eine große Sache.“ – www.bernanderl.at