Ein Schleudersitz aus der Zeit

„Top Gun. Maverick“ setzt nicht auf Handlung, sondern auf 80er-Flair

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„Top Gun“ der Erste (so kann man den Film nun nennen), habe ich alterstechnisch — dank meines großen Bruders und Videotheken — viel zu früh gesehen. Wahnsinnig gut fand ich den Film damals und all die Male, die ich ihn danach gesehen habe. Der Soundtrack, die Typen, da hat alles gefetzt. Mein Kinderherz war höchsterfreut.

„Der ist aber voll alt geworden“, raunt es nun 2022 ein paar Sitze weiter im Kino, als Tom Cruise auftaucht. Da hat wohl jemand den morgendlichen Blick in den Spiegel vergessen, denn nicht nur der Hollywood-Star hat an Jahren gewonnen, auch für die Zuschauerschaft sind Jahrzehnte ins Land gezogen, bis nun Teil 2 der Geschichte erzählt wird, die „Top Gun. Maverick“ heißt und von Regisseur Joseph Kosinski in Szene gesetzt wurde.

Pete „Maverick“ Mitchell, einst widerspenstiger, aber hochbegabter Kampfjet-Pilot, ist 2022 noch immer Flieger, noch immer widerspenstig und soll als Lehrer Bedeutendes leisten: ein Atomlager im Nirgendwo muss ausgeschaltet werden, dafür sind eigentlich unmöglichste Flugmanöver notwendig und die dazugehörigen Pilotinnen und Piloten soll Maverick ausbilden. Damit hat es sich schon mit der Handlung — der Rest ist hier nicht nur sprichwörtliche Geschichte.

Erinnern Sie sich an die Beachvolleyballspieler?

Wer konzentriert zusieht, findet wohl nahezu jede Szene des „Top Gun“-Films von 1986 in einer Variation. Können Sie sich an die Beachvolleyball spielenden Männer zu den Klängen von „Playing with the boys“ von Kenny Loggins (dessen legendärer Song „Danger Zone“ taucht übrigens auch wieder auf) erinnern?

Diesmal spielen auch die Mädchen mit, aus dem Volleyball wurde ein Football und der Song ist ein anderer. Goose, einst bester Freund und Co-Pilot von Maverick, kommt in nahezu identer Optik (was Schnurrbart, Hemd und Pilotenbrille betrifft) als dessen Sohn (dargestellt von Miles Teller) zurück. Auch Iceman (Val Kilmer) ist dabei. Diese Liste könnte bis zum Abspann fortgesetzt werden.

Dieser Film ist ein Schleudersitz aus der Zeit. Punkt. Die Nahaufnahmen von abwechselnd angsterfüllten, freudetaumelnden, enttäuschten etc. Schauspieler-Gesichtern füllen fast ebenso häufig die Leinwand, wie über den Himmel sausende Kampfjets. Die Männer nennen die Jets „Sweetheart“ und streicheln ihre Raketen. Die Liebesgeschichte zwischen Maverick und Penny (Jennifer Connelly) ist so klebrig, dass sie an der Peinlichkeit kratzt. Und trotzdem: Wer „Top Gun“ sagt, muss auch „Maverick“ sagen und sich diesem 130 Minuten-Nostalgie-80er-Feeling in Blockbuster-Perfektion hingeben. Heute sind wir alle alt genug dafür.

Nebst all der Nostalgie und nicht allzu fordernder Handlung ist jedoch ein Aspekt nicht unbeleuchtet zu lassen. Es ist unfassbar beklemmend, heute Kampfhandlungen, Raketenabschüsse, Explosionen etc. in Hochglanz zu sehen. Dazu kommt, dass hier ein undifferenziertes Schwarz-weiß-Bild wiedergegeben wird, in dem der Feind — wie schon einst — ein gesichtsloses und in der 2022-Variante sogar völlig undefiniertes Wesen ist, die Helden vor überdimensionaler Sternen-und-Streifen-Flagge posieren. Wo ist der Schleudersitz, wenn man in braucht?

Von Mariella Moshammer

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