Ein Sog, der in die Tiefe reißt

Facettenreich und vielschichtig: Lukas Hochholzers „Der Stilllebenmörder“

Mit dem Psychothriller „Der Stillebenmörder“ erschien Ende 2019 das vierte Werk von Lukas Hochholzer. Der Protagonist, ein von dunklen Mächten umfangener Mörder, wird mit gleich vier Kommissaren konfrontiert, die selbst immer mehr in das Geschehen hineingezogen werden.

In facettenreicher, vielschichtiger Erzähltechnik gelingt es, synthetische und analytische Verfahrensweisen zu verbinden: Das Geschehen wird wie im klassischen Krimi sowohl von rückwärts aufgerollt als auch gemeinsam mit den Lesern Etappe für Etappe erarbeitet.

In „Der Stilllebenmörder“ führt Hochholzer die völlige Auflösung des Protagonisten vor Augen. Der Protagonist besteht nun aus einem sich immer komplexer erweisenden Puzzle, das in seiner Zusammensetzung auch von den mit dem Fall beauftragen Kommissaren geprägt ist: Die Perspektiven wechseln, verkehren sich und werden im steten Versuch, sie einem objektiven Blick auf das Geschehene hinzuordnen, wieder völlig auf den Kopf gestellt, wobei sogar einer der Kommissare, der sich aufgrund seines labilen Charakters selbst als Versager einstuft, sich selbst als Mörder sieht und auch von Kollegen verdächtigt wird.

Die Instanzen funktionieren nicht, sowohl der tatsächliche Mörder als auch die Kommissare scheitern an der Suche nach Orientierung: Sobald eine Bezugsinstanz gefunden zu sein scheint, versagt diese völlig. Als einzigen „Retter“ wird auf Privatdetektiv Marchetti aus der Italien-Trilogie Hochholzers zurückgegriffen: Dieser hilft, aus Florenz beordert, die aus der Kontrolle geraten Ereignisse zu ihrem verdichteten Ende zu führen.

Der eigentliche Protagonist, Kowalski, dem es nicht gelingt, sich von seinen Dämonen zu lösen, wird, ohne Kontrolle über sich selbst, wie von einem Strudel fortgerissen, seine Taten vereinen sich zu einem Sog, der ihn in die Tiefe reißt. Ein Vergleich mit Edgar Allan Poes „Malström“ scheint zulässig: In einem unausweichlichen Trichter gefangen lässt sich Kowalski hinabtreiben, wird aber nicht müde, wieder das Licht zu suchen.

Michael Aichmayr

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