Ein unfassbarer Zustand

„Burning“ nach Geschichte von Haruki Murakami

Jongsu weiß nicht mehr, ob er seinen Sinnen und seinem Gespür trauen kann.
Jongsu weiß nicht mehr, ob er seinen Sinnen und seinem Gespür trauen kann. © Polyfilm

Von Mariella Moshammer

Wer zu weit weg wohnt, nicht bereit ist, Nachtschichten und Überstunden zu schieben, der hat wohl keine Chance auf den Job im Lager. Die Arbeitslosigkeit junger Menschen in Südkorea ist massiv, das Gefühl der Ausweglosigkeit ebenso. Jongsu (Yoo Ah-In) und Haemi (Jeon Jong-seo) sind in ihren Zwanzigern und Protagonisten in Lee Chang-Dongs Film „Burning“, 2018 für die Goldene Palme in Cannes nominiert. Viele Jahre nach der gemeinsam verbrachten Kindheit treffen die beiden wieder aufeinander; er lebt von Aushilfsjobs, sie wirbt in knapper Kleidung vor Billigläden, verlost Wegwerf-Konsumprodukte. Das Verhältnis zu ihren Familien ist fragil bis zerstört, doch miteinander funktionieren und harmonieren der praktische und einfühlsame Jongsu und die außergewöhnliche und sensible Haemi.

Bedeutungsvoller Sog

Von einer Reise bringt Haemi Ben („Walking Dead“-Star Steven Yeun) mit. Als Jongsu sie vom Flughafen abholt, steigt Ben ohne zu Zögern in den rostigen Pick-Up, lässt sich seinen teuren Porsche unbemerkt hinterherfahren. Ben spielt nicht mit offenen Karten und hier kommt der Thriller-Moment in Chang-Dongs Werk. Ben und Haemi, Jongsu als Beiwerk; der Schnösel trifft den armen Bauernjungen, dazwischen das Mädchen. Doch plötzlich verschwindet Haemi, Ben lässt in Metaphern über Metaphern anklingen, er könne dahinterstecken, oder zündelt der Reiche nur einfach gerne und fackelt armer Leute Eigentum ab?

„Burning“beruht auf einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami und lässt seine Protagonisten in einem unfassbaren Zustand verweilen. Ohne Konturen bleiben sie dennoch nicht, diese jungen Menschen, die in einer Welt herumgeistern, in der sie keinen Platz zu finden scheinen. An der einen oder anderen Ecke wird die Geschichte doch recht bedeutungsschwanger, der Sog, den der zweieinhalb Stunden lange Film erzeugt, ist aber unumstritten.

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