Eine Flucht, rückwärts erzählt

Natalie Halla hat einen berührenden Film über ihren in Vietnam geborenen Adoptivbruder gedreht

Natalie Halla, ihr Bruder Ngoc und eine vietnamesische Verwandte
Natalie Halla, ihr Bruder Ngoc und eine vietnamesische Verwandte © Halla

In ihrer 60-minütigen Doku „Nowhere“ erzählt die Linzer Filmemacherin Natalie Halla die bewegende Geschichte ihres Adoptivbruders Ngoc. Der gebürtige Vietnamese flüchtete im Alter von zehn Jahren vor den Roten Khmer aus seiner Heimat.

Nach einem längeren Aufenthalt auf einer Flüchtlingsinsel wurden er und sein älterer Bruder von Österreich aufgenommen und von den Hallas adoptiert. „Nowhere“ läuft beim Linzer Filmfestival Crossing Europe (28.4., 20 Uhr, Ursulinensaal).

VOLKSBLATT: Nach dem Film, der Ihrer Großmutter gewidmet war, ist das der nächste Film, der sich mit einem Mitglied Ihrer Familie beschäftigt. Arbeiten Sie damit auch Ihre eigene Geschichte auf?

HALLA: Ich mache das nicht bewusst, aber ich denke, die besten Filme sind die, wo man ganz nah am Protagonisten ist.

Warum gerade jetzt?

Ich habe Ngoc nie als Flüchtling gesehen. Das ist einfach mein Bruder. Die Idee zu einem Film ist erst entstanden, als 2015 die Bootsflüchtlinge angekommen sind und diese ganze Krise entstand. Da ist mir bewusst geworden: Das ist genau das Gleiche. Ngoc hat uns Geschwistern als Kind anfangs viel über seine Erlebnisse erzählt, später aber nie mehr darüber gesprochen. Mit meinem Film wollte ich Ngocs Flucht umgekehrt erzählen.

War Ihr Bruder gleich damit einverstanden, diese Reise in die Vergangenheit mit Kamera zu unternehmen?

Ich habe nie gedacht, dass er mitmachen würde, weil er sehr reserviert und das schon ein schwieriges Thema ist. Ich bin zuerst mit Ngoc nach Lesbos gefahren, um dort Flüchtlingen zu helfen, auch mit dem Gedanken, bei ihm ein Deja vu-Erlebnis zu erzielen, ein Trauma aufzubrechen. Ngoc hat sich dort wirklich geöffnet, war sehr emotional. Bei ihm ist dadurch der Wunsch stärker geworden, zurückzugehen und zu schauen, was ihm damals passiert ist.

Worum geht es Ihnen in Ihrem Film?

Es kommen ja ständig negative Meldungen über Flüchtlinge. Dagegen wollte ich etwas machen, nämlich eine wahre, eine positive Integrationsgeschichte aufzeichnen. Wenn jemand eine Chance bekommt und die Liebe, die er braucht, dann kann alles aus ihm werden. Und Ngoc gibt ja viel mehr zurück, als er bekommen hat. Als Arzt heilt er irrsinnig viele Menschen und hilft Paaren, die Probleme haben, Kinder zu bekommen. Jeder in unserer Familie geht zu Ngoc.

Man erlebt Ngoc und seine Familie an den Orten seiner Flucht. Sie erzählen die aufwühlende Geschichte mit der geduldigen Ruhe, wie man sie auch den Asiaten nachsagt.

Ich glaube, das passiert fast im Unterbewusstsein, so als würde man ein Bild malen. Je nachdem, welche Geschichte man erzählt, wie es dazu passt, so wählt man den Rhythmus. Aber auch Ngoc hat diese Ruhe. Und ich wollte nicht extra auf die Tränendrüse drücken, weil die Geschichte eh schon sehr berührend ist. Der Mensch ist mir viel wichtiger als die Story.

Warum wird die Doku aus der Sicht von Ngocs Sohn erzählt?

Ngoc war auf seiner Flucht in dem Alter, in dem sein Sohn jetzt ist. Für mich war es naheliegend, dass Ngoc seine Geschichte seinem Sohn erzählt. Und Kai ist sehr interessiert daran. Das war zwar meine Idee, ist aber keine Inszenierung. Die Fragen sind von Kai gekommen.

Ihre Mutter wurde für ihren Einsatz für Flüchtlinge einst mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. „Heute herrschen Angst und Ablehnung“, sagt sie im Film. Was hat sich verändert?

Unsere Gesellschaft steht heute viel weiter rechts. Österreich hat damals etliche tausend Flüchtlinge aus Vietnam aufgenommen. Auf die Menschen, die sich um Flüchtlinge gekümmert haben, war man damals stolz. Heute wird man vielleicht als Schlepper angezeigt, wenn man jemanden vor dem Ertrinken rettet. Dabei geht es hier um Grundrechte, die eigentlich nicht zu diskutieren, sondern eine Selbstverständlichkeit sind.

Was bedeutet der Titel des Films?

Das ist auch ein Wortspiel. „Nowhere“ ist für mich dieses Nirgendwo, das Meer, dort, wo Flüchtlinge umherirren, die nirgendwo hingehören und von niemandem gewollt werden. Die meisten können nicht zurück, obwohl viele das sehr gerne würden. „Now here“ steht für die Tatsache, dass wir als Gesellschaft akzeptieren müssen, dass diese Menschen jetzt da sind. Wir müssen uns damit auseinandersetzen und eine humane Lösung finden. Dass Ngoc zu uns gekommen ist, ist eine große Bereicherung für uns.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Mein nächster Film „Last Portraits“ wird von vier indigenen, nomadischen, vom Aussterben bedrohten Minderheiten und deren Schamanen handeln. Und irgendwann würde ich auch gern einen Spielfilm machen.

Mit NATALIE HALLA sprach Melanie Wagenhofer

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