Eine große Schachmusik

„Musicalisch“ vergnüglich: „Chess“ feierte im Musiktheater Premiere

Gernot Romic (M.) lässt als Freddy Trumper Erinnerungen an Trump wach werden....
Gernot Romic (M.) lässt als Freddy Trumper Erinnerungen an Trump wach werden.... © Sakher Almonem

Von Eva Hammer

Der Kalte Krieg, Kuba-Krise, zehn Jahre später ein Schach-WM-Endspiel USA gegen Russland nach der Vorlage des legendären Duells Bobby Fischer gegen Boris Spasski. Ein Krimi, der den famosen Texter Tim Rice so packte, dass er ihn 1980 zum Musicalstoff verarbeitete.

Er greift in die Vollen und versetzt die Story mit ein bisschen „Doktor Schiwago“ — das Genie zwischen Ehefrau und hilfreicher Geliebter. Dazu nimmt er eine Prise aus Zweigs „Schachnovelle“, um das Obsessive des Schachspiels zu erklären, und einen Schuss „Romeo und Julia“ — eine Liebe zwischen verfeindeten Nationen aus einer vorangegangen Generation.

Das Ganze vermischt er mit Intrigen und Korruption rund um den WM-Sieg und eine Debatte um Freiheit und Heimat, wenn der russische Meister um Asyl in England ansucht: „Where I Want to Be“.

Die Bs von Abba wissen, wie man Hits konstruiert

Ein bisschen zu viel des Guten. In der überfrachteten Handlung bleibt keine Zeit, sich auf potenzielle Emotions- und Spannungs-Highlights einzulassen, das rührende Ende droht unterzugehen. Musiktexte auf Englisch, Dialoge in Deutsch.

Tim Rice musste viele Jahre suchen, um einen Komponisten für seine Story zu finden. Kompagnon Andrew Lloyd Webber war zu der Zeit zu sehr mit „Cats“ beschäftigt, um auf das Projekt einzusteigen. Nach etlichen weiteren Fehlversuchen geriet er an Björn Ulvaeus und Benny Anderson.

Wahrhaftig, die beiden Bs von ABBA wissen, wie man Hits konstruiert. „Björn und Benny schrieben Melodien für ,Chess´, die alle leicht Nummer-eins-Hits von ABBA hätten werden können“, meinte dazu Rice. Hymnen und Balladen, die den Abba-Hintergrund nicht leugnen. Russische Breite und Temperament zum Mitklatschen, beinah sakrale Gesänge im Chor und eine Erinnerung an „Jesus Christ Superstar“, wenn die beiden Schachrivalen wie Jesus und Judas aufeinandertreffen. Eine sehr komische Nummer dreht sich um britische Bürokratie. Und ab zur nächsten Schach-WM in Fernost: „One Night in Bangkok“.

„Chess“ feierte am Samstag als szenisches Musical Premiere im Musiktheater. Kein Licht-, Bühnen- und Effekt-Spektakel. Das bestens disponierte Bruckner Orchester unter der Leitung von Tom Bitterlich beherrscht die Bühne. Dazwischen bleiben Gassen für die Auftritte der sieben Hauptdarsteller. Vor und hinter dem Orchester agieren Chor und Tänzer.

Musik und Darsteller sorgen für Begeisterung

Dass die gut zweieinhalb Stunden so kurzweilig vorbei rauschen, liegt an der Musik und den Darstellern. Christian Fröhlich als russischer Schachgroßmeister Anatoly Sergievsky mimt den superintelligenten Introvertierten, zerrissen zwischen Ehefrau und Managerin.

Sein Gegner Freddy Trumper alias Gernot Romic hat in seiner Großspurigkeit Namens- und Verhaltensähnlichkeit mit einem amerikanischen Zeitgenossen, anders als dieser beherrscht er Stimme und Körper perfekt. Anais Lueken als Florence Vassy findet mit Hanna Kastner als Ehefrau Svetlana im Duett um den Geliebten ihren emotionellen und gesanglichen Höhepunkt. Stimmlich ragt Darian Anderson Worrell als Leiter der russischen Delegation heraus.

Ebenbürtig sein amerikanisches Pendant Rafael Helbig-Kostka. Als Schiedsrichterin hat Ariana Schirasi-Fard Mühe, Stimme und Position zu finden. Der Chor brilliert. Ein musikalisch vergnüglicher Abend. Das Publikum jubelt bei jedem Song und erhebt sich zum Schlussapplaus.

Wie ist Ihre Meinung?