Eine Großleistung von Emma Thompson

„Kindeswohl“: Das Leben eines 17-Jährigen in den Händen einer Richterin

Richterin Maye (Emma Thompson) muss über das Schicksal von Adam Henry (Fionn Whitehead) entscheiden.
Richterin Maye (Emma Thompson) muss über das Schicksal von Adam Henry (Fionn Whitehead) entscheiden. © Filmladen

Von Renate Wagner

Eine Jugendrichterin befasst sich nicht nur mit Sorgerechtsstreitigkeiten, es kann gut und gern auch um Leben und Tod gehen. Etwa, wenn Eltern ihrem Sohn eine Bluttransfusion verweigern, weil das nicht ihrer Religion der Zeugen Jehovas entspricht. The Honorable Mrs. Justice Maye steht vor einem Problem, dessen Für und Wider hoch emotional verhandelt wird. Sie besucht den 17-Jährigen, um den es in „Kindeswohl“ geht, im Spital. Auch er will lieber sterben, als sein Blut „verunreinigen“ zu lassen — aber sie verurteilt ihn zum Leben (was jeder der Kinobesucher auch täte).

bezahlte Anzeige

Nur eine spannende Gerichtssaalgeschichte? Mitnichten. Autor Ian Mc-Ewan, dessen Romane (zu seinen eigenen Drehbüchern) schon oft ungemein packende Filme ergeben haben (etwa „Abbitte“), erzählt noch viel mehr. Nämlich die Geschichte dieser Richterin. Und Regisseur Richard Eyre, der an sich mehr Theater macht als Kino, aber unendlich viel von Tempo und Stringenz versteht, sowie drei Hauptdarsteller liefern einen außerordentlichen Film.

Er will sich einen Platz in ihrem Leben erkämpfen

Emma Thompson zuerst, Fiona Maye fesselt in jeder Sekunde ihrer Präsenz. Eine ihrem Beruf ehrlich und fanatisch ergebene Frau — so sehr, dass der Ehemann (der wunderbare, stille, unglaublich intensive Stanley Tucci) irgendwann nicht länger unbeachtet bleiben will. Er dreht sich um und geht, was Fionas Leben — mit ihren Fällen schwer belastet — erst einmal aus den Fugen geraten lässt. Ja, und dann ist da noch Adam Henry, der dank ihres Richtspruchs überlebt hat, sich aber nun von seinen Eltern und seiner Religionsgemeinschaft fast verstoßen findet.

Er entwickelt nun eine (gewissermaßen logische) Abhängigkeit von Fiona, was man in der Psychoanalyse „Übertragung“ nennt, und will sich um jeden Preis einen Platz in ihrem Leben erkämpfen: Fionn Whitehead (er war eines der jungen „Soldaten“-Gesichter in dem „Dunkirk“-Kriegsfilm) erleidet die ganze Verwirrung der Gefühle, die der Jugend auferlegt wird, ist lyrisch und aggressiv, von seinen Emotionen zerrissen. Was sich zwischen ihm und Fiona abspielt, ohne dass irgendjemand vordergründig „auf Effekt“ spielte, ist eine atemberaubende Meisterleistung beider.

Aber immer geht es vor allem um Fiona, um Emma Thompson, um ihre inneren Kämpfe unter der Fassade britischer Contenance. Wenn diese darstellerische Großleistung keinen Oscar bringt, dann gibt es keine Gerechtigkeit.