Eine Straße der kaputten Typen

Uraufführung von Martin Plattners „Die Sedierten“ in den Kammerspielen

Mime Jakob Kajetan Hofbauer spielt einen verzweifelten und zu tiefst verletzten Mann.
Mime Jakob Kajetan Hofbauer spielt einen verzweifelten und zu tiefst verletzten Mann. © Christian Brachwitz

„Ich hab den Faden verloren“ – ein zentraler Satz in „Die Sedierten“ des jungen Tiroler Autors Martin Plattner. Fünf kaputte Typen – vier Frauen und ein Mann – wohnen in einer heruntergekommenen Straße. Alle haben sie irgendwie in ihrem Leben „den Faden verloren“. Jetzt geht nichts mehr, mit und ohne Medikamente. Uraufführung des Stücks in der Inszenierung von Stephan Suschke war am Samstag in den Kammerspielen in Linz.

Plattner zeichnet die Frauen in ihren tristen Wohnungen – eigentlich Käfige mit Stores – mit Blick auf die Straße. Davor ein Gehsteig, dessen geplante Verbreiterung zum Synonym für äußere Umstände wird, denen die Protagonistinnen hilflos ausgeliefert sind, unfähig sich dagegen wirklich zu wehren, auch wenn sie das möchten. Im Vordergrund der Szene (gelungenes Bühnenbild: Momme Röhrbein) haust der einzige Mann, Sohn einer der Frauen, unter diesen massiv leidend, als verurteilter „Spanner“ mit Fußfessel und dem Schnüffeln von Klebstoffen verfallen.


Aktuell – nicht zuletzt auch in Corona-Zeiten – das Bemühen der Frauen, die Situation mithilfe von Tabletten zu bewältigen. Ein Irrglaube, wie man nicht erst seit diesem Theaterabend weiß. Aber in Plattners Stück gekonnt und in der Überspitzung skurril-nachhaltig auf die Bühne gebracht.

Verbale Kaskaden à la Thomas Bernhard

Verstärkt wird dieser Eindruck durch Plattners Sprache, die von ungewöhnlichen Wortschöpfungen und verbalen Kaskaden lebt – Thomas Bernhard lässt grüßen!

„Die Sedierten“ ist vor allem auch ein Stück mit starken Rollen für schwache Bühnen-Frauen. Beginnend bei der – so ihre namenlose Bezeichnung – „Frau am Fenster“, die verzweifelt versucht, die Verbreiterung des Gehsteigs zu verhindern und ihre dadurch zum Tod verurteilten Thujen zu retten. Eine Paraderolle für Eva-Maria Aichner. Ganz anders und doch genauso unfähig, das Leben zu meistern, die „Nachtschwester“, die sich „als vom Fach“ fühlt und in zum Teil militanter Art und Weise die anderen zur Einnahme der „beruhigenden“ Pillen veranlasst. Überzeugend: Gunda Schanderer!

Katharina Hofmann als von der Männerwelt schwer traumatisierte „Frau hinter Rollladen“ und Johanna Orsini-Rosenberg als „Frau auf Gartenliege“ und Mutter des „Spanners“ geben ihren Figuren genau die Tristesse und Ausweglosigkeit, die das ganze Stück prägt. Jakob Kajetan Hofbauer ist ein verzweifelter, zu tiefst verletzter Mann, der – eine gelungene Idee – nach dem Riechen von Pattex-Klebstoff über die Video-Wall schwebt. Alles in allem, auch wenn der zweite Teil vielleicht eine weitere dramaturgische Entwicklung vertragen hätte, ein interessantes und thematisch leider sehr aktuelles Stück. Eine gelungene Inszenierung und schauspielerische Überzeugungsarbeit.

Das Publikum dankte – auch dem anwesenden Autor Plattner – mit reichlich Applaus, ehe man Corona geschuldet brav Reihe für Reihe den Saal verließ.

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