Eine verwinkelte Geschichte

Vor 100 Jahren, am 4. Juni 1919, wurde in Paris der Citroën Typ A präsentiert. Dies gilt als Geburtsstunde der Marke mit dem Doppelwinkel.

Dieser Wagen stand Pate für eine gesamte Marke, nämlich die später ins Leben gerufene Nobel-Tochter DS. Die Rede ist vom Citroën DS, später genannt „die Göttin“. In ihrer 20-jährigen Produktionszeit (von 1955 bis 1975) wurden die D-Modelle in ihren wesentlichen Grundzügen unverändert produziert. Bis heute ist ihr Status als Technik- und Designikone unbestritten. Produziert wurden in Summe 1,45 Millionen Citroën DS. © Citroën

Von Oliver Koch

Es ist 1919, der Rauch in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs ist noch nicht ganz verraucht, als sich André-Gustave Citroën (1878 bis 1935) aufmacht, ein Automobilunternehmen zu gründen. Der Sohn einer Polin und eines Belgiers konnte sich zu dem Zeitpunkt bereits als Kriegsgewinner bezeichnen: Er fabrizierte nämlich seit 1915 in Massen Artilleriemunition und war schon zuvor erfolgreich bei der Produktion von Zahnrädern.

Anregungen holte er sich bezüglich der Produktionsmethoden übrigens bei Henry Ford, den er 1912 besuchte. Doch man muss eigentlich noch einen Schritt in der Lebensgeschichte von Citroën zurückgehen, um den Werdegang der französischen Automarke zu verstehen. Denn anno 1900, während einer Reise zu polnischen Verwandten, sah er ihm unbekannte Getriebe, von denen er eines nach seiner Rückkehr in Paris patentieren ließ. Dabei handelte es sich um die Doppelwinkel-Form eines Getriebe-Radzahns, die zum Vorbild für das Firmenlogo wurde.

Die Geburtsstunde für die Automarke war dann der 4. Juni 1919. Citroën musste seine Munitionsfabrik nun auslasten und als erstes Fahrzeug der Marke verließ eben im Juni der Typ A (Citroën 10HP) die Werkshalle. Der 1,3-Liter-Vierzylinder leistete nur 18 PS, hatte aber im Gegensatz zu den Mitbewerbern einen E-Starter und ein Reserverad; beides eine Novität zur damaligen Zeit.

Citroën, der im Mai 1914 Giorgina Bingen, die Tochter eines genuesischen Bankiers, ehelichte, tat sich bei der Autoproduktion in Europa in mehreren Dingen hervor: Als erster europäischer Hersteller setzte Citroën auf Fließbandfertigung, er war ein Pionier in Sachen Marketing (1925 leuchtete beispielsweise am Eiffelturm ein großflächiger Citroën-Schriftzug auf), er verbaute im selben Jahr im Typ B12 erstmals eine Ganzstahl-Karosserie in einem europäischen Serienauto und er zahlte ab 1927 als erster Betrieb in Europa seinen Angestellten ein 13. Gehalt aus.

Citroën Traction Avant

Ein Paukenschlag war dann am 18. April 1934 der vorderradgetriebene Citroën Traction Avant. Dieser wurde auch „Gangsterlimousine“ bezeichnet, der Wagen soll beispielsweise bei Bankräubern ein äußerst beliebtes Fluchtfahrzeug gewesen sein. Jedoch ging der Firma aufgrund der Weltwirtschaftskrise und der hohen Entwicklungskosten für den Traction Avant im selben Jahr das Geld aus, die Gebrüder Michelin übernahmen den Betrieb aus der Konkursmasse. Ein Jahr später, am 3. Juli 1935, stirbt André-Gustave Citroën – den kommerziellen Erfolg der „Gangsterlimousine“ erlebte er nicht mehr.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das erste historische Datum der Marke wohl der 7. Oktober 1948. Die „Ente“ kam auf den Markt. Der Spitzname für den 2CV geht dabei auf einen niederländischen Journalisten zurück, der beim Anblick der Karosserie das Modell als „hässliches Entlein“ titulierte. Dem kommerziellen Erfolg des Wagens und dem Kult – vor allem im deutschsprachigen Raum – tat dies keinen Abbruch: Citroën setzte von 1949 bis 1990 mehr als 5,1 Millionen Exemplare vom 3,8 Meter langen und 560 Kilogramm leichten Zweizylinder ab.

Die Göttin

Ihre Design-Sternstunde erlebte die Marke mit dem Doppelwinkel-Logo im Jahr 1955. Auf dem Pariser Automobilsalon hatte im Oktober „La Déesse“ („die Göttin“) ihren ersten Auftritt. Bereits am ersten Messetag lagen für die stromlinienförmige Limousine mit Hydropneumatik aus der Feder von Stardesigner Flaminio Bertoni 12.000 unterschriebene Kaufverträge vor. In Summe produzierten die Franzosen von diesem herausragenden Modell 1.456.115 Stück.

Doch danach mühte sich Citroën eher durch die Niederungen des harten Automobilgeschäfts mit gelegentlichen Erfolgen wie mit dem Méhari oder dem CX. Diese Strohfeuer halfen jedoch nichts; 1975 schluckte Konkurrent Peugeot die Marke, die seitdem Teil der Groupe PSA (Peugeot Société Anonyme) ist.

Letztes eigenständiges Modell vor der Übernahme war der CX. Danach stach designtechnisch noch der kantige BX (1982 bis 1994) hervor. 1996 begründete Citroën mit dem Berlingo ein neues Segment, nämlich das der Hochdachkombis und eine witzige, wie geniale Designidee brachten die Franzosen auch noch zuwege: die mit Luft gefüllten Aufprallschützer (Airbumps) – erstmals zu sehen auf den Seiten des Citroën Cactus.

Im Alltag spielt die Marke auch im öffentlichen Verkehr eine Rolle: Schon seit Jahrzehnten ist in Paris die Metro-Station Javel dem Firmengründer André-Gustave Citroën gewidmet. Anno dazumal befand sich an der Stelle eine Fabrik mit mehr als 30.000 Mitarbeitern.

Aktuell fokussiert Citroën auch auf die Hybrid- und Elektro-Technologie; im Jahr 2023 sollen 80 Prozent der Modellpalette in einer elektrifizierten Variante verfügbar sein, 2025 dann 100 Prozent. Also Prosit! Auf die nächsten 100 Jahre!

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