„Eine Welt, die sich wie ein Alptraum anfühlt“

Regisseur David Schalko über Stil, Atmosphäre und Aktualität seines Mordsspektakels „M“

David Schalko plauderte über sein neues, düsteres Werk, das bei der Berlinale seine Weltpremiere feierte.
David Schalko plauderte über sein neues, düsteres Werk, das bei der Berlinale seine Weltpremiere feierte. © APA/Pfarrhofer

CHRISTOPH GRIESSNER: Während der Dreharbeiten haben Sie „M“ als eine Coverversion von Fritz Langs Original beschrieben. Hält diese Charakterisierung noch?

DAVID SCHALKO: Ja, weil es kein Eins-zu-eins-Remake ist. Es ist neu geschrieben. Man macht es in seinem eigenen Stil, in seiner eigenen Handschrift und bedient sich bei den wichtigsten Eckpunkten.

Fake News, politischer Rechtsruck, digitale Überwachung: Hat sich eine Bearbeitung von „M“ angesichts dieser Themen aufgedrängt?

Das war die Idee, als ich den Film nochmals gesehen habe. Unsere Zeit fühlt sich auch wie eine Art Vorabend an. Wir begannen vor vier Jahren, das Projekt zu schreiben. Viel, was behandelt wird, ist inzwischen sehr aktuell.

Langs „M“ gilt als Paradebeispiel für optische Verzahnung. Wie hat das Ihre Bildsprache beeinflusst?

Es war der Versuch da, obwohl wir an Originalschauplätzen gedreht haben, es ein bisschen so aussehen zu lassen, als wäre es im Studio. Diese Entrücktheit, die dadurch entsteht, die zwischen Realität, Traum und Manieriertheit stattfindet, spielt eine sehr gewichtige Rolle. Es fühlt sich an, als wäre es eine schlafwandlerische Gesellschaft. Die Geschichte wird auf vielen Ebenen gleichzeitig erzählt, es ist nicht blanker Naturalismus, der einen erwartet. Und es gibt ja auch märchenhafte Symbolik. Die Grundatmosphäre ist fast die eines Schaudermärchens. Man wird in eine Welt hineingezogen, die sich wie ein Alptraum anfühlt.

Wie konkret wollten Sie in Ihrer Darstellung werden, was etwa Vorbilder für bestimmte Figuren betrifft?

Der Innenminister ist ein Stereotyp eines modernen Politikers, wie wir sie in allen Ländern Europas sehen und die im Aufschwung begriffen sind. Natürlich sind Zitate drin, die man kennt. Aber es vermischt sich zu einem Politikertypus, der repräsentativ ist, wofür Politik im Augenblick steht. Etwa das Managen, man führt einen Staat wie ein Unternehmen.

Das klassische Fernsehen hat stark mit der Streamingkonkurrenz zu kämpfen. Würde Sie eine solche Plattform reizen?

Mich interessiert jeder Kanal, bei dem ich die Möglichkeit habe, das machen zu können was ich machen will. Für manche Projekte passt ein öffentlich-rechtlicher Sender besser, dann sind es wieder Streamingdienste. Bei sehr teuren Projekten wird es für jeden Sender schwer, da wird es immer ein Konglomerat. Dann muss man eine Kombination finden, bei der alle auf einer Wellenlänge sind.

Ist Kino ein Thema?

Kino ist immer eine große Sehnsucht von mir. Aber irgendwie bin ich bei den Serien hängen geblieben. Ich muss da irgendwie raus! (lacht) Aber die zwei Sachen, die ich derzeit schreibe, sind wieder Serien.

Sie haben sich immer wieder prononciert zur politischen Lage geäußert. Das Thema „Qualitätsjournalismus in der Krise“ scheint den politischen Diskurs schon länger zu begleiten…

Das Problem ist, dass sich immer weniger Menschen über klassischen Journalismus informieren, sondern über Medien, die das schreiben, was sie hören wollen. Das hat mit Faktischem oft relativ wenig zu tun. Ich weiß nicht, wie man wieder da hinkommt, dass das Faktum genauso viel wert ist wie das alternative Faktum. Alleine, dass man es so nennt, sagt ja alles — früher hieß das Lüge. Das ist eine sehr problematische Geschichte, weil sie uns weg von einer aufgeklärten Gesellschaft führt. Und das wird von der Politik nicht gestoppt, sondern eher benutzt. Wenn es heißt „Wer hat das bessere Narrativ?“, dann bedeutet das ja: „Wer hat die bessere, erfundene Geschichte parat?“

Hat Ihnen Ihre öffentliche Kritik an politischen Zuständen schon Nachteile eingebracht?

Nein, bis jetzt noch nicht. Aber schauen wir mal, was kommt. Dass ich kein Liebkind der FPÖ bin, kann ich mir schon vorstellen. Aber ich habe im Gegensatz zu vielen anderen den Luxus, jederzeit in Deutschland drehen zu können. Deshalb sehe ich das sehr gelassen. Aber natürlich interessieren mich in erster Linie Geschichten, die hier spielen, weil das mein Heimatland ist. Bis jetzt war das aber kein Thema.

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„M — eine Stadt sucht einen Mörder“ ist am 17., 20. und 22. Februar jeweils ab 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf ORF eins zu sehen.