Einrad & Einser

Vor zehn Jahren hat er eine Einrad-Show gesehen und wusste gleich, dass er das lernen will. Heute ist Johannes Baumkirchner (19) aus Gallspach einer der besten Einrad-Fahrer Österreichs und trägt einen Weltmeistertitel. Und obendrein hat er gerade mit Auszeichnung maturiert.

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Wenn er im Sattel des Einrades sitzt, dann wirkt es, als würde sein Körper mit dem besonderen Gefährt eins werden. Er ist ungemein wendig, seine Bewegungen sind sehr schnell, mit einem federleicht aussehenden Satz springt er samt Pedalfahrzeug auf einen Holzpflock, wenn er dann draufsteht, ist kein bisschen Unsicherheit zu spüren. Beim nächsten Sprung dreht er das Rad blitzschnell einmal um die eigene Achse und landet wieder sicher auf dem Boden.
Johannes war zehn, als er in Gallspach bei einer Julfeier zum ersten Mal Einrädern begegnete und sofort Gefallen daran fand. Im selben Jahr hat er mit dem Einradfahren angefangen, nachdem ihm der Osterhase das besondere Fortbewegungsmittel ins Nest gelegt hatte. „Die ersten ein, zwei Jahre ausschließlich aus Spaß daran, nur für mich selber, zuhause und im örtlichen Verein“, erzählt der frischgebackene Maturant. Den Verein hat er später übernommen, heute leitet ihn seine Schwester, 16 und ebenfalls Einradfahrerin. Als Johannes in einem Video Tricks sieht, ist sein Ehrgeiz geweckt. Er fängt an, Kunststücke zu trainieren, springt die ersten Male von einer Erhöhung hinunter, lernt mehr und mehr und nimmt schließlich 2011 zum ersten Mal an einem Bewerb, der Salzkammergut Trophy, teil. Erste Erfolge stellen sich ein, Johannes sammelt Rennerfahrung und Trophäen. Seine Eltern unterstützen ihn stets und sind selber sportlich: „Mein Vater fährt Motocross, meine Mutter spielt Tennis, meine Schwester Volleyball.“

Tricks, Trials und Titel

Je nachdem, was sonst noch zu tun ist oder ob gerade ein Wettbewerb ansteht, sitzt Johannes einmal mehr, einmal weniger im Sattel. Vier- bis fünfmal pro Woche sind durchaus drin. Seine Tricks übt er zuhause und er trainiert viel mit einem befreundeten Einradfahrer im Einrad Trial Park in Marchtrenk. „Zu zweit macht das mehr Spaß.“ Dort gilt es, diverse Hindernisse, so genannte Lines, in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zu überwinden: Zu den Anforderungen gehören Hochspringen, Weitspringen oder das Landen an bestimmten Stellen. Die Tricks tragen Namen wie Unispin, Crankflip oder Wheelwalk, je schwieriger, umso aufwendiger scheint die Bezeichnung zu sein. Johannes hat noch nicht alle durch und möchte sich auch noch im Trial verbessern.

War es in den Achtzigerjahren eine kleine Gruppe von Einradfahrern, die den Sport intensiv betrieben hat, so ist die Community weltweit seither gewachsen, aber nicht so stark, dass man sich in Wettbewerbskreisen nicht gegenseitig kennt und schätzt. Seit 40 Jahren werden Weltmeisterschaften veranstaltet. „Wir sind vernetzt und vertraut miteinander“, sagt Johannes. „Man freut sich auch, wenn andere gewinnen, auch wenn man natürlich selber gern auf dem Stockerl stehen möchte.“ Er hat es in der Disziplin Long Jump on Platform geschafft. Dabei geht es darum, nach einer kurzen Anfahrt mit einem Sprung von einem Stoß Paletten auf den anderen die größtmögliche Distanz zu überwinden. Wer am weitesten kommt, ist der Sieger. Johannes haben 3,10 Meter zum Weltmeister in dieser Disziplin gemacht. Insgesamt gebe es etwa 30 Einrad-Disziplinen, erklärt der Gallspacher, dazu zählen Uphill und Downhill, Trial, Flat, Freestyle, also Bewerbe, bei denen es den Berg hinauf oder hinunter geht, Bewerbe mit Hindernissen, Tricks und Bewegungen auf ebenem Untergrund oder eine selbst zusammengestellte Kür. Unter den Fahrern seien auch viele Frauen, vor allem in den Bereichen Freestyle und bei Bahnrennen, während Trial oder Flat vor allem Männersache seien, so Johannes. Die einzelnen Disziplinen stellen unterschiedliche Anforderungen und werden daher auch mit unterschiedliche Rädern gefahren, die sich in der Größe des Rades, die von 16 bis 36 Zoll reichen kann, in Gewicht, Sitzhöhe oder darin, ob sie eine Bremse haben oder nicht und anderen Details unterscheiden: Johannes besitzt derzeit rund zehn Einräder, was zeigt, dass er ein recht vielseitiger Fahrer ist. Zu seinen großen Leidenschaften und Stärken zählen Trial und Downhillrennen, bei denen Berge auf Mountainbike-Strecken abwärts bezwungen werden. Dabei gehe es kaum ohne Sturz, gibt er zu, als versierter Fahrer – und ein solcher sollte man sein, wenn man sich mit dem Einrad in steiles Gelände wagt — lande man dabei jedoch meist auf den Füßen. Schutzkleidung zu tragen, ist selbstverständlich und Einradfahrer erreichen – im Gegensatz zu den sehr viel schnelleren Mountainbikern – bergab nicht mehr als 25 Stundenkilometer: Mit den Pedalen hält man die Balance, je nachdem, ob man stärker tritt oder bremst, kontrolliert man, wie man sich bewegt. „Einradfahrer erleiden selten schwere Verletzungen, relativ häufig sind kleine Blessuren“, gesteht Johannes ein. Seine geschundenen Schienbeine können eine Geschichte davon erzählen.

Angefangen wird jedenfalls in der Ebene, am besten damit, dass man sich bei den ersten Versuchen an einem Zaun, einer Mauer oder einer Person festhält. Es folgt freies Aufsteigen. „Einradfahren kann jeder lernen, egal welchen Alters“, ist Johannes überzeugt. Was man dafür benötigt? Ausdauer, Ehrgeiz und ein billiges Einrad, das schon für 30, 40 Euro zu haben sei, so der Profi. „Die meisten fallen beim ersten Mal herunter, sagen, das kann ich nicht und legen das Einrad weg“, bedauert er die mangelnde Geduld vieler. Schon Vierjährige könnten Einradfahren lernen, der Experte empfiehlt jedoch, vorher das Fahren auf zwei Rädern zu perfektionieren.

Respekt, aber keine Angst

Wettkämpfe sind Johannes wichtig, die nimmt er in Österreich und in Nachbarländern wahr, die WM hat ihn 2016 nach Spanien geführt. Er freut sich über die Unterstützung von Sponsoren, leben könne er vom Einradfahren jedoch nicht. Bei jedem Bewerb lerne man viel: „Am meisten, wenn du Zweiter oder Vierter wirst“, sagt er lachend. Wichtig sei es, Ehrgeiz, die richtige Taktik und Freude am Sport und der Bewegung mitzubringen. Und Respekt, aber keine Angst: „Du musst an dich glauben, vorher überlegen und dann abschalten. Wenn du dich entschieden hast, musst du es durchziehen.“ Vorbilder? „Jetzt nicht mehr“, sagt er verschmitzt: „Manche früheren Ikonen habe ich schon überholt.“ Bleibt da noch Zeit für etwas anderes? „Mountainbiken und Snowboarden im Winter, Freunde und Fortgehen“, sagt Johannes: „Wie alle anderen auch.“
Mit seinem Einradfreund fährt Johannes jetzt gemeinsam zu Bewerben und man kann ihn mit seiner Einradgruppe Unifox für Shows buchen: Da wird dann Spektakuläres wie Seilspringen, Trials oder Huckepack geboten, Hocheinrad und Twice gefahren (ein Einrad, auf dem man rückwärts treten muss, um vorwärts zu fahren) und über Menschen gesprungen. In letzter Zeit sei die Schule „ziemlich intensiv“ gewesen, die Früchte für sein Engagement hat er auch dort geerntet: Matura mit Auszeichnung an der HTL für Maschinenbau in Ried. Es folgt der Zivildienst, dann möchte Johannes eventuell Maschinenbau oder Wirtschaftsingenieurwesen studieren. Jetzt macht er sich aber erst einmal drei Monate auf, um Panama und Costa Rica zu bereisen. Sein nächstes großes Ziel auf dem Einrad hat er aber auch schon im Visier: die WM 2020 in Südkorea.

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