„Elektra“ als musikalische Sensation

Musiktheater: Markus Poschner setzt mit Strauss-Oper einen Meilenstein

Großartige als Elektra: Miina-Liisa Värelä
Großartige als Elektra: Miina-Liisa Värelä © Reinhard Winkler

Paul Stepanek

Ein weiterer Meilenstein der Interpretation einer Strauss-Oper wurde am Samstag im Linzer Musiktheater gesetzt. Die in der Musikgeschichte singuläre Oper „Elektra“ von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal erlebte unter dem Dirigat von Markus Poschner ihre heftig bejubelte Premiere. Das auf Sophokles zurückgehende antike Drama wurde von Regisseur Michael Schulz in ein unbestimmtes „Jetzt“ verlegt und als eine Art „Psychothriller“ mit Anleihen bei Sigmund Freuds Psychoanalyse aufgezogen.

Tiefer Hass und Rachegelüste Elektras gegen ihre Mutter, die Königin Klytämnestra, und deren Gatten Ägisth, die beide Elektras Vater Agamemnon ermordet haben, treiben das Geschehen voran. Das zentrale Spannungsfeld der Oper baut sich in den Beziehungen zwischen Elektra, ihrer Schwester Chrysothemis und Klytämnestra auf und explodiert schließlich in einem blutigen Gemetzel, in dem der zurückgekehrte Bruder Orest die Rache an Mutter und Stiefvater vollzieht.

Das Bruckner Orchester agiert in Höchstform

Elektra ist in Schulz’ Version zwar Außenseiterin der Palastgesellschaft, spielt aber immer noch eine dominante Prinzessin, deren Glitzerrobe in Art eines „Grauschleiers“ von einem Morgenmantel nur überdeckt ist. Klytämnestra, ganz im weißen Kleid der „Unschuld“, wird von argen Ängsten vor Orest geplagt und sucht Zerstreuung im Party-Taumel der Hofgesellschaft. Sie strahlt keine Dämonie aus, nur Unsicherheit. Chrysothemis schließlich ist die „normale“ Frau, die sich in diesem Hexenkessel einfach nach Mann und Kindern sehnt. Orte der Handlung sind zusätzlich zum „originalen“ Hof des morbiden Palastes ein Partykeller und das Kinderzimmer des Orest; die drei Schauplätze könnten symbolhaft die Träume der drei Hauptfiguren spiegeln: Befreiung (Chrysothemis), Erlösung von Angst (Klytämnestra) und Rache (Elektra). Gemeinsame, multifunktionale Projektionsfigur: Orest. Schulz’ Inszenierung in Zusammenarbeit mit Dirk Becker (Bühne) und Renée Listerdal (Kostüme) zeigt zwar viele durchdachte Details, schrammt aber manchmal hart an den Grenzen des Lächerlichen und Unverständlichen vorbei.

Dies wirkt nur am Rande störend, denn das herausragende Ereignis des Abends findet im Orchestergraben statt, dessen Raum von 115 Musikern des in Höchstform agierenden Bruckner Orchesters ausgereizt wird. Markus Poschner gelingt es mit diesem Klangkörper, alle Facetten der genialen Strauss-Partitur zwischen sanfter Lyrik und explosiver Dynamik auszuleuchten, die Spannung voranzutreiben und das Publikum „gefangenzunehmen“. So leistet die Musik, was auf der Bühne an Personenzeichnung und Atmosphäre fehlt.

Auch gesanglich wird Großartiges geboten

Im Dreieck der Protagonistinnen überbietet Miina-Liisa Värelä als Elektra sich selbst, aber auch Katherine Lerner (Klytämnestra) und Brigitte Geller (Chsysothemis) leisten Außerordentliches. Michael Wagner zeichnet mit dröhnendem Bass stimmig einen Orest, der den scharfen Schnitt vom geliebten Bruder zum Elternmörder überzeugend schafft. In einem Kurzauftritt glänzt Matthäus Schmidlechner als Ägisth; alle weiteren Rollen sind geradezu luxuriös besetzt und erfüllen wie der Chor (Leitung Elena Pierini) ihre Aufgaben großartig. Tosender Applaus samt Standing Ovations für die musikalische Interpretation, ein paar heftige Buhs für die Regie.

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