Elend zwischen Einkaufssackerln

Roland Neuwirth dichtet und singt Franz Schuberts „Winterreise“ neu

Übersetzt den berühmten Liederzyklus „Die Winterreise“ ins Heute: Roland Neuwirth.
Übersetzt den berühmten Liederzyklus „Die Winterreise“ ins Heute: Roland Neuwirth. © Herbert Zotti

„Fremd bin ich eingezogen,/Fremd zieh´ ich wieder aus.“ Mit diesen Worten Wilhelm Müllers setzt der berühmte Liederzyklus „Winterreise“ ein.

Franz Schubert komponierte ihn im Herbst 1827, ein Jahr vor seinem Tod. In der Übersetzung von Roland Neuwirth beginnt „Gute Nacht“ mit: „Åls Fremder bin i kumma, fremd muaß i wieda fuat.“

Schöne Schlichtheit, die gerne auch derb erdet

Eine schöne Schlichtheit zieht sich durch Neuwirths Interpretation, die abstrakte, betont „klassische“ Poesie gerne auch derb erdet. Wie im Lied „Auf dem Flusse“. Müllers Bild der Vergänglichkeit, „um Nam´ und Zahlen windet/sich ein zerbrochner Ring“, bringt Neuwirth geradlinig auf den Punkt. Die Lebenden ein Windhauch in der Zeit: „Verglichn mit die Dodn/san mia a klane Schår!“

Der Wiener Liedermacher Roland Neuwirth kehrt nach seinem Abschied 2016 wieder auf die Bühne zurück (sobald Corona das zulässt).

Gemeinsam mit dem Buchbinder-Schüler Florian Krumpöck am Klavier hat sich Neuwirth die „Winterreise“ zur Brust genommen und bearbeitet die 24 Lieder im Wiener Dialekt neu. Die Musik unverändert, übersetzt Neuwirth existenzielles Liebeselend der Hochromantik in die Moderne.

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Kein junger Mann mehr, der sich hilflos seinem Liebesschmerz ergibt, sondern ein womöglich schon etwas älterer Herr, der — vor Liebestollheit ist kein Alter gefeit! — auch Augen für seine Umwelt hat. Der finale „Leiermann“, in dem Schuberts Jüngling sein eigenes Unglück spiegelte, bei Neuwirth „a Immigrant, der auf seiner Quetschn fremde Liada want“.

Neuwirth, der große alte Mann des Wienerlieds, lässt mit einer Szene inmitten des Vielleicht-doch-noch-Weihnachtsgeschäfts enden: „Blind und terrisch rennan´s/ålle hin und her,/volle Einkaufssackln/ doch sei Huat bleibt leer.“

Schwermütige Reise, die aber auch Trost spendet

Todessehnsucht und Depri-Hardcore? Womöglich auch Katharsis, Reinigung. Schönheit wird nicht bloß in dieser „Winterreise“ (Quinton Records) mit Vergänglichkeit bezahlt. Die knarzige und warmherzige Stimme Neuwirths, eingebettet in Krumpöcks perfektes Spiel, vermittelt dennoch auch Trost. Schafft zugleich Nähe und Distanz zu dieser schwermütigen Reise. Das ist das Großartige an der Kunst: Sie tut nur so. Sie will ja nur spielen.

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