Endlich Operette bei den Salzburger Festspielen!

„Orpheus in der Unterwelt“ konnte vor allem wegen einer vielseitig grandiosen Eurydike begeistern

Marcel Beekman und Kathryn Lewek
Marcel Beekman und Kathryn Lewek © SF/Monika Rittershaus

Von Ingo Rickl

Endlich hat man sich bei den Salzburger Festspielen entschlossen, im Rahmen eines durchwegs intellektuell inspirierten Programmes, eine Operette aufzuführen. Anlass ist der 200. Geburtstag des eigentlichen Erfinders dieses Musiktheater-Genres Jacques Offenbach – noch dazu mit jener Operette, die als erste in den Annalen geführt wird: „Orphée aux enfers“ wird nun teilweise auf Französisch, überwiegend jedoch auf Deutsch mit Übertiteln zusätzlich in Englisch im Haus für Mozart aufgeführt. Die Premiere am Mittwoch wurde zu einem sensationellen Triumph, wobei der Primat der im Titel nicht aufscheinenden Eurydike zusteht. In all ihren Szenen ist sie in der Gestalt der amerikanischen Koloratursopranistin Kathryn Lewek von bezwingender Ausstrahlung. Ihr Koloratursopran kennt in allen Körperlagen – und deren gibt es viele – keine Grenzen des Umfangs und des Ausdrucks. Ihr Spiel, von der Kostümbildnerin Victoria Behr kräftig unterstützt und von ironisch-komödiantischer Durchschlagskraft, was auch auf die Personenführung durch Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin, zurückzuführen ist. Kosky, Frau Lewek und der reisende Dirigent aus Italien, Enrique Mazzola, sind die wichtigsten Geburtshelfer der Offenbach-Operette.

Sobald der Vorhang aufgeht, fühlt man sich ins Paris der Mitte des 19. Jahrhunderts versetzt. Die Bühnenbilder sind praktikabel, durchaus dem Zeitgeist angepasst altmodisch und durch Rufus Didwiszus farblich diskret im Einvernehmen mit der Kostümbildnerin so gestaltet, dass sie gleichsam die Grundfarbe für die phantasievollen Kostüme der Protagonisten und Gruppen vorgeben.

Das Wichtigste: Die Ausstattung gibt den Mitwirkenden immer genügend Raum zur Entfaltung. Choreograf Otto Pichler hat zwölf Tänzer zur Verfügung, die gemeinsam mit dem Vocalconsort Berlin die Massenszenen choreografisch bewältigen.

Regisseur, Bühnenbildner und Choreograf bilden übrigens auch in der Komischen Oper Berlin ein Erfolgsteam. David Cavelius, der dem Vocalconsort Berlin musikalisch Offenbachsche Melodien einstudierte, gehört ebenfalls zu dieser Kosky-Erfolgstruppe.

Dirigent Enrique Mazzola weiß zu überzeugen

Am Pult der Wiener Philharmoniker erfüllten sie dem hierzulande viel zu wenig bekannten Reisedirigenten Enrique Mazzola jeden Wunsch, wobei einmal mehr die Vielseitigkeit und der Totaleinsatz des Spitzenorchesters zu rühmen sind. Und wenn man dann noch die Violinsoli des Konzertmeisters hören darf, ist der Genuss perfekt.

Neben Lewek als unübertreffliche Eurydike ist der zarte Joel Prieto als Orpheus ein stets nett vorbeihuschender Ehemann mit fallweise zerbrochener Geige, stimmlich durch einen hellen, wunderschönen Tenor auffallend. Die stets um Sex bemühten Pluto und Jupiter werden von der Regie bewusst als wenig attraktiv angeboten: Marcel Beekman und Martin Winkler sind trotz ihrer Komödiantik sowieso Verlierer-Typen. Die anderen Sängerdarsteller sind als scharf charakterisierte Teilnehmer am Spektakel getrimmt: Nadine Weissmann als Cupido, Lea Desandre als Venus, Frances Pappas als Juno, Rafal Pawnuk als Mars, Vasilisa Berzhanskaya als Diane und Peter Renz als Merkur.

Eine Ausnahme bietet der den ganzen Abend auf der Bühne befindliche Max Hopp als John Styx. Das Publikum spendete ihm enthusiastischen Beifall. Weshalb ist nicht unbedingt klar. Dieser Styx ist ein liebenswerter Eigenbrötler, jedoch nicht der von den Librettisten geplante skurrile Außenseiter der Dienerschaft Plutos. Noch als Gag dazu kommt der neue Schluss, den Kosky erfunden hat: Eurydike klinkt sich aus höchsten Kreisen aus, entschließt sich, Bachantin zu werden und sich den Regeln des Gottes Bacchus anzuvertrauen.

Der Salzburger Festspiel-Operettenauftakt im 21. Jahrhundert ist mit Zufriedenheit im Hause und Zustimmung des Publikums geglückt.

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