Entschleunigung im E-Bike-Sattel

Im 55. Sommer meines Radlerlebens habe ich es getan – ich habe beim Radfahren erstmals nicht ausschließlich meine Muskelkraft eingesetzt. Das war freilich nicht die einzige Premiere: Erstmals wurde Kärnten auf dem Rad erkundet, und das auf einer Premierenstrecke. Seit heuer gibt es in Zusammenarbeit von fünf Tourismus-Destinationen die „Große Kärnten Seen Schleife“:

Wer an einladenden Rastplätzen wie diesem am Millstätter See vorbeiradelt, ist noch nicht ganz beim Genussradeln angekommen. © Urlaub am See/Reuther

Von Markus Ebert
Diese Große Seen Schleife gleicht einer liegenden Acht und führt auf 340 Kilometern an insgesamt zehn Seen vorbei. Wobei vorbei nicht ganz stimmt: Denn es finden sich so viele sehenswerte Platzerl, die ebenso zum Verweilen einladen wie etwa „Labestationen“ mit der ganzen Bandbreite der Kärntner Küche, viele Sehenswürdigkeiten und Freizeitangebote abseits des Radsattels.

Anwesenheit von Stille

Rund 120 Kilometer konnten wir erkunden, am Millstätter See, dem Weißensee, dem Faaker See, dem Wörthersee und dem Klopeinersee ließ man uns in das üppige Angebot hineinschnuppern. Auf die eine oder andere Art – sprich, einmal mehr, einmal weniger in Ufernähe – kann man sie allesamt umrunden und so die verschiedenen Charaktere im wahrsten Sinne des Wortes „erfahren“. Der Millstätter See hat ein sehr naturbelassenes Südufer, auf zumeist geschotterten Pisten geht es so auf und ab, dass der E-Antrieb gerne immer wieder zugeschaltet wird. (Persönliche Anmerkung: Als bisher ausschließlicher Beinkraft-Biker will man zumindest auf der Ebene und leichten Steigungen den Muskeln auch eine Freude bereiten.) Man sollte aber mit der Elektrizität so sorgsam umgehen, dass die Akkus auch hinauf zum Etappenziel Alexanderhof in Millstatt noch zusätzlichen Schub verleihen können. Eines ist unbestritten: Der Blick am nächsten Morgen über den erwachenden See macht bereits Lust auf die nächste Etappe.
Diesmal geht es hoch hinauf zum Weißensee, freilich mit dem Bustransfer – diese bequeme Form der Überbrückung lässt sich organisieren, ebenso wie der bloße Gepäcktransfer von Hotel zu Hotel. Auf 930 Metern Seehöhe liegt Kärntens viertgrößter See, der Trinkwasserqualität hat und im Winter dann von Holländern in Beschlag genommen wird, wenn daheim die Kanäle nicht zufrieren und der 200-Kilometer-Eislaufmarathon nach Kärnten verlegt werden muss. Der Kontrast zum doch recht quirligen Leben am Millstätter See ist greifbar: Hier wird selbst ein Genussradler noch einmal entschleunigt. Nach einiger Zeit weiß man: Hier ist eine besondere Form der Abwesenheit von Lärm fühlbar, man könnte auch sagen, man genießt die Anwesenheit von Stille. Viele Familien, schon mit den Kleinsten in Kinderwagen oder Rückentrage, prägen das Bild, Energieplätze rund um den See sind sozusagen Krafttankstellen. Apropos Kraft: Wegen seiner Höhenlage ist der Weißensee auch ein beliebter Trainingsort für Ruderer.
Wir indes Rudern, nein Radeln, nein lassen uns nach der Seeumrundung und bestens gestärkt — Haupt-Mittag- und Abendessen dieser Tage ist fast zwingend Fisch in seinen besten Erscheinungsformen — an den Faaker See transferieren. Ehe uns der einzigartig gelegene Karnerhof aufnimmt, gibt es noch einen sehr unvermuteten Abstecher in das Land, wo die Zitronen blühen (siehe dazu Seite 6). Dass ein Gewitter heraufdräut – dann aber zum Glück ausbleibt – lässt zwar die geplante Paddeltour durch die Everglades des Faaker Sees (gibt es wirklich und heißen wirklich so) ins Wasser fallen. Dafür werden die mehr oder weniger müden Beine beim Schwimmen im See erfrischt, ehe es im seit über 300 Jahren in Familienbesitz stehenden Karnerhof zu Tisch geht. Aussicht auf See und Berge halten sich die Waage mit den Köstlichkeiten aus der Küche, die auch das hauseigene 2-Hauben-Lokal versorgt. Wer länger als eine Nacht bleibt, kann nicht nur frühmorgens schon schwimmen, sondern auch von der Sauna im Badehaus direkt in den See hüpfen.

Naturidyll und Hotspot

Der Abschied fällt nicht leicht, aber gerade für Radler entlang der großen Seen Schleife gilt: Auf zu neuen Ufern. Der Wörthersee ruft, das Halbetappenziel Velden erreichen wir auf einer knapp 20 Kilometer langen Route auf Güterwegen durch viel Naturidyll – um dann umso unmittelbarer den Kontrast zum Tourismus-Hotspot mit hoher Geldadeldichte zu verspüren. Einmal heißt es, dem Gewitterschauer durch ein gemütliches Mittagessen ein Schnippchen zu schlagen, einschließlich Auftritt von Schauspieler Otto Retzer am Nebentisch. Aber damit kann rechnen, wer sich im Seespitz, dem Seerestaurant des Schloßhotels Velden, niederlässt.
Eine Bootsspritztour später sitzen wir wieder im Sattel, die Route bis Klagenfurt führt gleichsam an den Hinterausgängen vieler See-Villen vorbei, die wir zuvor von vorne auch schon sehen konnten — samt Erläuterungen, wem was gehört. Am Zustand Tourismus-Hotspot ändert sich bis Klagenfurt nichts, ein bisschen mehr Obacht geben muss man auf diesem Abschnitt jedenfalls.
Noch einmal gibt es einen Szenenwechsel, zum Abschied der Schnuppertour empfängt uns mit dem Klopeinersee der wärmste Badesee Europas. Die Gegend präsentiert sich als eine Mischung aus Sommerfrische und Camping, dort und da scheint die Zeit ein wenig stehen geblieben zu sein. Einmal noch drehen wir mit unserem Guide eine schöne Runde, die uns — zum Teil durch zweisprachiges Gebiet — vom See weg, hart an die Berge heran und wieder zu ihm hinführt, einschließlich Stopps an Kleinoden wie dem Gösselsdorfer See oder dem Turnersee.
Als es wieder hinab geht zum Klopeinersee, lässt der Himmel ein paar Tropen fallen, ganz so, als ob irgendwer traurig wäre, dass wir nur vier Tage geschnuppert haben. Aber für eine Erkenntnis hat auch diese kurze Zeit gereicht: Es geht bei der Großen Schleife um das Radfahren und nicht um den Radsport. Es braucht die Bereitschaft, jederzeit für einen schönen Ausblick anhalten zu wollen – wer das tut, bekommt sicher Lust auf mehr. Aber darum und dafür hat die Seen Schleife auch 340 Kilometer.
Kleines PS: Die Wetterprognosen vor dem Start zum elektrounterstützten Radeln waren alles andere als gut, aber letztlich war auch hier Kärnten anders als der Rest von Österreich.
Und noch ein kleines PS: Statt wie bisher die Nase über die „Strom-Biker“ zu rümpfen, gestehe ich mir ab sofort auch in dieser Frage einen gewissen Pragmatismus zu.

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