Enttäuschung und Entschädigung

Brucknerfest: Carpenter und Poschner mit Bruckner und Beethoven

Die erwartete Sensation hat nicht Cameron Carpenter (r.), sondern Markus Poschner geliefert.
Die erwartete Sensation hat Markus Poschner geliefert. © Reinhard Winkler

Manche Konzertbesucher kamen am Samstag wegen Cameron Carpenter, verließen das Brucknerhaus aber dann nach seinem Auftritt. Der in Berlin lebende amerikanische Orgelstar musste Bruckners Orgelwerk auf der neu adaptierten Orgel des Hauses spielen. Eigentlich hatte er mit Bachs „Goldbergvariationen“ gastieren wollen.

Von Bruckner gibt es nicht viel und Carpenter, ganz dem Digitalismus in seinem Fach erlegen, reist sonst auch meist mit seinem elektronischen „International Touring Organ“. Also war sein Gastspiel auf der Pfeifenorgel mehr ein Goodwill-Akt zum Brucknerfest, eine stille Verbeugung vor dem Genius loci.

Schulähnlicher Vortrag

Gesammelt streng und ehrfürchtig spulte er Bruckners Gesamtwerk ab, Vorspiele, Nachspiele, Fugen, Improvisationen des Meisters aus seinen Skizzenbüchern, die Carpenter im Kopf hatte und da und dort auch mit seiner eigenen Improvisationskunst schmückte. Der Techniker Cameron war gezwungen, sich einzubremsen, registrierte anfangs zurückhaltend und sparte sich die Plenoattacken, den vollen Klang, für das Ende seiner schulähnlichen Vortragsweise. Zweifellos ließ er ein enttäuschtes Publikum zurück, das trotzdem heftig applaudierte, und doch war ihm keine einzige Zugabe abzugewinnen. Seine Welt ist eben eine andere.

Entstaubte, frische Lesart

Die Entschädigung kam in der zweiten „profanen“ Programmhälfte, da Markus Poschner mit zwei Beethoven-Sinfonien seine neue Sichtweise auf dessen Musik sensationell servierte. Das war keine leichte Aufgabe bei den vorhandenen Klischees, die gerade diese beiden Werke zeitlos beleben und die Vorstellung von einer Authentizität auch belasten. Der sinfonische Erstling Beethovens hat seinerzeit revolutionäre Reaktionen hinterlassen und galt doch als Startschuss für das „Jahrhundert der Sinfonie“.

Poschner wahrte das lieblich-klassische Werkbild, entstaubte es aber gründlich von dem Einfluss Mozarts und Haydns und faszinierte durch eine ungemein frische und lustgeladene Lesart, die ansteckend auf das Bruckner Orchester wirkte. Nicht nur die je zwei Bässe auf links und rechts verteilt aufgestellt, waren ihm wichtig für die erzielte ausgewogene Klangbalance, ein gewohntes Markenzeichen seines Dirigats, in das er noch Charme und Humor einbrachte.

Ein wenig ernster wurde der Spaß dann bei der in Linz beendeten „Achten“ Beethovens mit ihrer Tiefgründig- und Rätselhaftigkeit, einem Werk, in dem sich formale Satzinhalte überstürzen, die vielleicht mit dem schleichenden Hörvermögen des Meisters erklärbar sind. Poschner behielt dennoch die Heiterkeit im Griff und legte ein Beethoven-Bekenntnis ab, das ihm ein „Götterfunken“ gesandt haben musste.

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