„Er liebt mich, er liebt mich nicht…“

Pflanzen entfalten nicht nur heilende Wirkungen, sie können auch dazu beitragen, die Lust zu steigern oder sie im Keim ersticken. Kräuterpädagogin und Naturvermittlerin Ursula Asamer (61) aus Attnang-Puchheim hat mit „50 Shades of Green“ ihr erstes Buch vorgelegt. Darin präsentiert sie im Verborgenen blühendes altes Wissen.

Text: Melanie Wagenhofer
„Waldmeister hat man früher auf dem Tanzboden verstreut, das hat Stimmung aufkommen lassen“, erzählt Asamer. Quitten gelten seit jeher als Liebesfrucht: Quittenschale legte man einst in der Hochzeitsnacht ins Gemach der Frischvermählten, weil ihr Duft sehr anregend wirkt. Ein beliebtes Hochzeitsgeschenk war Kapuzinerkresse in Honig. Der englische Begriff Honeymoon für Flitterwochen erinnert an die aphrodisierende Wirkung von Honig, Kapuzinerkresse leistet mit Schärfe ihren Beitrag. Für schüchterne Liebhaber empfahl sich eine Räucherung mit Kirschzweigen, die Kirsche galt als sündiges Holz. Auch Kräuterkissen können mit anregenden Düften gefüllt werden: Lässt die Wirkung nach, dann sei es Zeit, den Inhalt oder den Liebhaber austauschen, sagt Asamer lachend. Mit Symbolpflanzen fragt man bis heute danach, ob der oder die Angebetete die Zuneigung erwidert, wenn im Rhythmus von „Er liebt mich, er liebt mich nicht“ die Blütenblätter der Margarite fallen. War die „Auswahl“ größer, haben junge Damen Schilder mit den Namen potenzieller Liebhaber auf Barbarazweige gehängt. Derjenige, dessen Zweig als erster zu blühen begann, war der Richtige…
Beim Anblick der unendlich vielen Grüntöne der Bäume im Frühling sei ihr spontan der Titel „50 Shades of Green“ in den Sinn gekommen, erinnert sich Asamer. Damals sei gerade der Film „Fifty Shades of Grey“ gelaufen. Eigentlich habe sie mit ihrem Titel die Medizin der Bäume gemeint. Viele, die das hörten, hätten jedoch gleich Assoziationen mit den Themen Liebe und Sexualität gehabt. Das habe sie auf die Idee gebracht, der aphrodisierenden Wirkung von Pflanzen nachzugehen. Dabei sei sie jedoch schnell vor verschlossenen Türen gestanden: Sie wollte das reiche Wissen der Klöster mit ihren aufwendigen Kräutergärten für sich nutzen. Doch über Lust und Liebe habe man dort gar nicht mit ihr sprechen wollen. „In den Klöstern ging es vor allem darum, die Lust zu dämpfen, also habe ich mir angesehen, was Klosterküchen so gekocht haben und welche Kräuter dort häufig angebaut wurden. In Keuschheitsbeeten wurde etwa Dille angebaut. Sie tötet auf Dauer in hoher Dosis verzehrt jede Lust, vor allem bei Männern.“ Im Vatikan habe es einen sogenannten Senfbewahrer gegeben, der darauf achten musste, dass die Geistlichen nicht zu viel Senf zu sich nahmen: Die Schärfe von Ackersenf regt die Lust an.
Dabei sei es eine Heilige gewesen, nämlich Hildegard von Bingen, die um 1100 als erste die Orgasmen des Mannes und der Frau beschrieben habe, weiß die Kräuterexpertin. Dem Menschen muss es gutgehen, so die Philosophie der Heiligen, dann ist er auch gesund und dazu gehört eben auch Lust. Das uralte Wissen über die Lust und Liebe fördernden Wirkungen von Pflanzen sei nie verloren gegangen, aber auch nie laut darüber geredet worden, so Asamer. Die raren Aufzeichnungen verlieren sich im Hochmittelalter mit Hexenverfolgung und Inquisition, wo es verboten war, derartige Dinge niederzuschreiben. Blumensprache half dabei, manches zu umschreiben. Asamer: „Es war nicht einfach, Infos aus alten Texten herauszufiltern.“
Asamer hat sich 2010 im Bereich Komplementärmedizin selbständig gemacht hat. Sie arbeitet ganzheitlich mit alternativen Methoden wie cranio-sacraler Therapie aus der Osteopathie und als ausgebildete Kräuterpädagogin und Naturvermittlerin mit Kräutern und Pflanzen und behandelt Menschen mit unterschiedlichsten Beschwerden. Ihre Arbeit betrachtet sie ausdrücklich als Ergänzung zur Schulmedizin. Angefangen habe sie mit Tee aus der Volksheilkunde. Dann sei sie neugierig geworden darauf, was welche Pflanze so kann und verwendet diese seither auch für kulinarisch und kosmetisch Zwecke. Sie setzt dabei vor allem auf regionale Pflanzen: „Es geht mir um Pendants zu Ginseng und Co. Was in der Natur rund um uns wächst, ist zuträglicher als chemische Mittel oder Pflanzen von weit her, weil es uns näher ist.“

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„Grünes Viagra“ und der betörende Duft einer Rose

In ihrem Buch stellt Ursula Asamer 50 „Hauptpflanzen“ vor, geht aber auch auf viele weitere ein, Rezepte für Kulinarisches, aber auch für Tinkturen, Öle oder Duftsprays ergänzen die Informationen. Der Duft von Salbei etwa soll Frauen enthemmen. Obendrein hilft er bei Beschwerden im Hals und des Zahnfleisches. Im Buch findet sich die Anleitung für die Herstellung eines natürlichen Deodorants mit Salbei. Brennnesselsamen stärken nicht nur das Immunsystem: Sie werden, so Asamer, auch als „grünes Viagra“ bezeichnet. Unter den Bäumen verbreitet die bei uns nur vereinzelt zu findende Balsampappel einen anregenden Duft. Die Damaszenzer Rose sei in Zeiten, in denen es die Menschen nicht so genau mit der Körperhygiene nahmen und alle möglichen Gerüche die Luft beschwerten, eingesetzt worden, um dem Schlimmsten entgegenzuwirken: Kirchen etwa füllte man mit der betörend duftenden Rosensorte. Sie gilt übrigens als Liebesblume schlechthin. In Badehäusern hätten käufliche Damen stinkende Freier in ein Rosenblütenbad gesetzt, bevor sie sich mit ihnen einließen. Straßennamen wie Rosenstraße oder Petrosiliengasse weisen darauf hin, dass sich hier einmal ein Bordell befunden hat. Petersiliensamen verwendeten Prostituierte zur Abtreibung. Asamer rät Schwangeren von häufigem Verzehr von Petersilie ab.
Manche Kräuter entfalten erst mit der „Langzeiteinnahme“ ihre Wirkung, andere schon beim ersten Mal. Es käme dabei auch auf die individuelle Befindlichkeit an und auf das Geschlecht, so die Kräuterpädagogin. Einige Pflanzen steigern bei Frauen die Lust, bei Männern dämpfen sie sie: „Solche Pflanzen nenne ich Bi-Pflanzen“, sagt Asamer schmunzelnd. Das ist zum Beispiel bei Hopfen so. Bierbrauen sei auch wegen dieser Wirkung und nicht nur als Ersatz für feste Nahrung beim Fasten in Klöstern aufgekommen. So manche Kräutereigenschaft wurde Allgemeingut und manifestierte sich in bekannten Sprüchen wie „Anis für alte Knaben, die keine rechte Lust mehr haben.“ oder „Basilikum haut Jungfraun um.“.
Heil- und Liebeswirkung sind nicht zu trennen, wie überhaupt Asamers Betrachtungsweise eine ganzheitliche ist. Wenn die Chemie einzelne Substanzen aus einer Pflanze herauslöse, habe das eine andere Wirkung als die Verwendung der ganzen Pflanze. Sanddorn etwa sei eine Vitamin-C-Bombe und so ein wertvolles Anti-Aging-Mittel, das auch die Lust erhalte. Weißdorn stärke das Herz, seine Früchte gelten als Aphrodisiaka.
Info: Ursula Asamer bietet auch eine Naturvermittlungstour „50 Shades of Green“ in Steinbach/A. an (www.naturschauspiel.at)