Er spricht, wenn anderen die Worte fehlen

Tod und Trauer sind Themen, über die in unserer Gesellschaft nicht gerne gesprochen wird. Wir wollen es vermeiden, uns damit auseinanderzusetzen, dass unser eigenes Leben oder das geliebter Menschen irgendwann zu Ende sein könnte. Und wenn es dann doch soweit ist, wie sollen an dieser Stelle die richtigen Worte gefunden werden? Gerade jetzt, so kurz vor Allerheiligen, beschäftigt uns das, wir gedenken unserer geliebten, verstorbenen Angehörigen, wissen vielleicht oft nicht, was wir sagen oder denken sollen. Carl Achleitner (57) ist Trauerredner : Für ihn sind der Schmerz und die Trauer von Hinterbliebenen tagtäglich ein Thema: Er spricht, wenn anderen die Worte fehlen.

Carl Achleitner ist tagtäglich auf dem Friedhof und hilft dort den Menschen in ihrer Trauer. © Stefan Knittel

Dieser Beruf mag einigen oder sogar vielen noch nicht wirklich bekannt sein, denn wir assoziieren Begräbnisse meist mit der Kirche und vor allem mit einem Priester, der vor die Trauergemeinschaft tritt. Trauerredner kommen unter anderem dann zum Einsatz, wenn der Verstorbene oder seine Angehörigen keine religiöse Zeremonie wünschen oder aus der Kirche ausgetreten sind.

Eine Aufgabe, die erfüllt

Als der gebürtige Oberösterreicher Carl Achleitner die Stellenanzeige der Agentur Stockmeier für den Job eines Trauerredners entdeckte, war er selbst auch skeptisch, ob er das wirklich kann und auch will — jeden Tag auf dem Friedhof stehen und mit den Themen Tod und Trauer konfrontiert werden. Seine erste Trauerrede hat ihm jedoch gezeigt, welch´ schönen Seiten seine neue Arbeit mit sich bringt: akut trauernde Menschen durch diese Zeremonie zu begleiten und das möglichst auf eine Weise, die sie hinterher dazu anregt zu sagen: „Eigentlich war es schön.“
Das Erfüllende an seiner Arbeit sieht Achleitner darin, dass ihm diese Aufgabe so viel zurückgibt – vor allem die Dankbarkeit, die ihm die Menschen entgegenbringen, denen er es mit seinen Reden ermöglicht hat, auf sehr persönliche Art und Weise, Abschied zu nehmen. „Wenn ich auf den Friedhof komme, dann sind die Traurigkeit und die Trauer eh schon da, darum muss ich das dann nicht auch noch verstärken. Ich versuche im Gegenteil, wenn es angebracht ist und der Verstorbene ein gutes Leben gelebt hat, eine Art Fest daraus zu machen. Denn dann kann man die guten Aspekte noch einmal so richtig herausholen und das macht es den Hinterbliebenen leichter, Abschied zu nehmen und das, was wir nicht verändern können, das müssen wir akzeptieren und so nehmen, wie es nun einmal ist. Am Tod können wir nichts ändern. Wenn er einmal da war, dann ist es etwas, gegen das wir nichts tun können“, so Achleitner im VOLKSBLATT-Gespräch über seine Arbeit und er fügt hinzu: „Es bleibt von jedem Menschen etwas auf dieser Welt zurück und im Idealfall sind es Spuren, die die Liebe hinterlassen hat.“
Seine Arbeit sei auch eine wertvolle Lebensschule für ihn selbst, so der Trauerredner: Zu sehen, wie die Angehörigen mit dem Tod und dem Abschied umgehen und die verschiedenen Lebenswege geschildert zu bekommen, sei für den eigenen Lebensweg mehr als inspirierend.

Adieu mit Liebeserklärung

Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm das Begräbnis von Maria, auch Mitzi genannt – die Namen wurden aus Datenschutzgründen geändert. Achleitner erzählt, dass nach seiner Rede der Witwer Edi mit seinem Rollator nach vorne zum dem Sarg geschlurft sei und seiner verstorbenen Frau lauthals eine Liebeserklärung gemacht habe, die auch ihn selbst zu Tränen rührte. Die beiden waren jahrzehntelang miteinander verheiratet. „Danke Mitzi, ich hatte das schönste Leben mit dir, das ich mir nur hab wünschen können. Danke, dass du mich solange ausgehalten hast und immer für mich da warst. Ich liebe dich!“ Danach habe er dem Sarg ein Busserl aufgedrückt – ein berührender Moment, wie er sie als Trauerredner häufig erlebe.

Natürlich gibt es neben den guten Seiten, auch die etwas Schwierigeren, wo die Angehörigen nicht so positiv auf ihre Verstorbenen zurückblicken können. Bei den Vorgesprächen ist Achleitner ein guter Zuhörer, wenn Trauer, Wut und Schmerz die Hinterbliebenen übermannen, während der Zeremonie versuche er den Hinterbliebenen zu zeigen, dass der Tod ein Schlusspunkt sei und es keinen Sinn mehr mache, über diesen hinaus weiterhin gram mit der Mutter oder dem Vater zu sein. Er empfiehlt, einen Abschluss zu finden, Frieden zu schließen und nach vorne zu blicken.

Erkenntnisse fürs Leben

Carl Achleitner erlebt in seinem Beruf tagtäglich so viel, dass er sich dazu entschlossen hat, ein Buch darüber zu veröffentlichen. „Das Geheimnis eines guten Lebens. Erkenntnisse eines Trauerredners“ (Verlag: edition a) erscheint heute, einen Tag vor Allerheiligen. Es lässt den Leser in Achleitners Arbeitswelt eintauchen, gewährt Einblicke, in die man sonst wohl nicht so leicht Zugang findet. „Ich glaube, dass jeder, der es liest, ein bisschen was für sein Leben mitnehmen kann“, lädt der Trauerredner zum Lesen ein. Er will auch weiterhin Erfüllung in seiner Aufgabe suchen und finden: „Was ich sicher weiterhin machen werde, so lange ich es kann, ist Trauerreden zu halten! Denn das tue ich wahnsinnig gerne.“

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