Erdogans blutige „Waffenruhe“

Krieg in Nordsyrien verläuft nicht nach der kindlichen Fantasie eines US-Präsidenten

Von wegen Waffenruhe: Verzweifelte Kinder und Frauen trauern nach einem türkischen Luftangriff bei Ras al-Ain um die Toten.
Von wegen Waffenruhe: Verzweifelte Kinder und Frauen trauern nach einem türkischen Luftangriff bei Ras al-Ain um die Toten. © AFP/Souleiman

Es lief dann doch nicht ganz so, wie sich ein Donald Trump das ausmalt: „Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen … wie zwei Kinder und dann zieht man sie auseinander“, hatte der US-Präsident am Donnerstag nach der Verkündung einer Waffenruhe für Nordsyrien den Konflikt mit einer Rangelei unter Kindern verglichen.

Das „Auseinanderziehen“ von Türken und Kurden funktioniert aber nur eingeschränkt. Ein Sprecher von UNO-Geralsekretär Antonio Guterres meldete zwar gestern Abend, dass die Waffenruhe weitgehend eingehalten werde, aber was bedeutet das für die, die an diesem Tag getötet oder verwundet wurden, weil die Waffen doch nicht völlig schwiegen?

Rund um die Grenzstadt Ras al-Ain kam es zu Luft- und Artillerieangriffen, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Freitag berichtete. Dabei seien mindestens sieben Zivilisten und vier syrische Kämpfer getötet worden, hieß es. Der Sprecher der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), Mustafa Bali, warf der Türkei vor, gegen die Abmachung zu verstoßen. Neben Stellungen der Kämpfer seien auch zivile Einrichtungen und ein Krankenhaus in Ras al-Ain angegriffen worden. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wies Berichte über Kämpfe als „Spekulation und Desinformation“ zurück.

Kurden ziehen nicht aus gesamtem Grenzgebiet ab

Getäuscht hat sich Trump auch, was die Tragweite der von ihm als „großartig“ abgefeierten Feuerpause angeht. Sein Vize Mike Pence hatte Erdogan am Donnerstag in Ankara dazu gebracht, eine fünftägige Waffenruhe zu verkünden, in der die Kurden aus dem Gebiet entlang der türkischen Südgrenze abziehen sollten. Tatsächlich verkündete SDF-Kommandant Maslum Abdi, man werde „alles tun, damit die Waffenruhe ein Erfolg wird.“ Allerdings gilt nach seinen Worten die Vereinbarung nur für das Gebiet zwischen den Städten Ras al-Ain (Kurdisch: Sere Kaniye) und Tall Abyad (Gire Spi). Das ist nur ein kleiner Teil der sogenannten Sicherheitszone, die die Türkei entlang der Grenze einrichten und aus der sie mit ihrer Offensive alle Kurdenmilizen vertreiben will. Erdogan sieht das völlig anders. Für ihn bedeutet die Waffenruhevereinbarung den Rückzug der kurdischen Kämpfer aus dem gesamten Gfrenzgebiet. Erdogan sprach gestern von einem 32 Kilometer breiten und 444 Kilometer langen Gebiet — etwas größer als Oberösterreich.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International warf der Türkei Kriegsverbrechen in Nordsyrien vor. Die türkischen Streitkräfte und ihre syrischen Verbündeten hätten bei ihrer Militäroffensive „Kriegsverbrechen, Massentötungen und unrechtmäßige Angriffe” verübt.

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