Erdogans Spitzelterroristen

Denunzianten machen Türkei-Urlaub für Austro-Türken zum Risiko-Trip

Erdogans Spitzenunwesen versetzt Austro-Türken in Angst und macht den Türkei-Urlaub zum Hochrisikoprojekt.
Erdogans Spitzenunwesen versetzt Austro-Türken in Angst und macht den Türkei-Urlaub zum Hochrisikoprojekt. © AFP/Barukcic

Von Manfred Maurer

„Gelungene App. Ich melde hier Terroristen, so können sie nicht in mein Land einreisen um dort den Terrorismus zu unterstützen“ — solche und ähnliche Postings finden sich im Google Play Store an der Stelle, wo das türkische Innenministerium ihre App „EGM“ zum Gratis-Downlaod anbietet. Die App ist eine der Ursachen der Probleme, die Auslandstürken immer öfter bei Reisen in die frühere Heimat haben: Sie landen im Gefängnis. Im günstigeren Fall werden sie an der Grenze abgewiesen oder vorübergehend festgehalten.

Die beiden Linzer Austro-Türken, die wie berichtet in Antep beziehungsweise in Istanbul festgenommen wurden und nicht ausreisen dürfen, sind keine Einzelfälle. „Mittlerweile kommen nahezu täglich neue Fälle herein“, sagt Berivan Aslan. Die kurdischstämmige Tirolerin setzt sich seit drei Jahren für Opfer des Willkürregimes ein. Am Donnerstag etwa haben Angehörige eines Wieners die frühere Grünen-Nationalratsabgeordnete angerufen. Der Mann war bei der Einreise in Edirne mit seinem „Verbrechen“ konfrontiert wurde: 2008 (!) hatte er sich auf Facebook kritisch über den damaligen türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan geäußert. Nach elf Stunden war der Mann frei.

So glimpflich kam ein Vorarlberger Kurde nicht davon. Er wurde vor einigen Tagen in Kayseri festgenommen, verbrachte eine Nacht im Haft und darf seither die Türkei nicht verlassen.

Treffen kann es jeden. Ein 75-Jähriges Pensionistenpaar aus Österreich saß ebenso wie ein 14-Jähriger drei Tage in U-Haft.

Die Vorwürfe reichen von „Beleidigung des Präsidenten“ über „Beleidigung des Türkentums“ bis hin zu Terrorverdacht, für den es freilich genügt, in Österreich einen kurdischen Verein besucht zu haben.

Ein falsches Wort…

Alle Festnahmen, Inhaftierungen oder Einreiseverweigerungen haben eine Ursache: „Es sind immer Informationen, die aus Österreich geschickt wurden“, so Aslan zum VOLKSBLATT. Mit der EGM-App wurde das Denunziantentum digitalisiert und für jeden am Handy verfügbar gemacht. Ein falsches Wort und die türkische Polizei ist informiert.

Einer der größten Erdogan-Fanatiker in Oberösterreich ist Irfan Ünsal. Er hatte sich vor zwei Jahren auf Facebook damit gebrüstet, angebliche Erdogan-Gegner in Linz gemeldet zu haben. Ermittlungen wegen des Verdachtes der nachrichtendienstlichen Tätigkeit zum Nachteil Österreichs wurden aber eingestellt. Auf die Frage, ob er weiter einschlägig aktiv sei, beteuert Ünsal, dass er niemanden denunziere.

Unheilige Allianzen

An Vernaderern herrscht aber kein Mangel. Eine besondere Rolle spielen dabei, so Aslan, türkische Vereine mit Nähe sowohl zur Regierung in Ankara als auch zur hiesigen Politik, insbesondere zur SPÖ. Mitverantwortlich für die Situation macht sie auch den „Kuschelkurs“ der früheren Außenministerin Karin Kneissl gegenüber der Türkei. Aslan: „Ich habe das Gefühl, manche unsere Politiker unterschätzen die Gefahr dieser Entwicklung.“ Erdogan versuche mit Hilfe der Denunzianten „Menschen mundtot zu machen — und das funktioniert auch“. Niemand traue sich mehr etwas gegen ihn sagen. Die Angst geht soweit, dass in der Türkei festgehaltene Denunziationsopfer sich nicht einmal an österreichische Behörden wenden, weil sie fürchten, dann noch größere Probleme zu bekommen.

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