Erregender Tanzabend als Ereignis

Bejubelte Premiere von „Le Sacre“ in zwei Teilen im Musiktheater

Valerio Iurato und Mireia González Fernández
Valerio Iurato und Mireia González Fernández © Sakher Almonem

Ein langgehegter Wunsch der Tanzdirektorin Mei Hong Lin ist in Erfüllung gegangen: Igor Strawinskys Skandalballett „Le sacre du printemps“ aus dem Jahr 1913 feierte am Samstag im vollen Musiktheater Premiere und wurde mit einem unwahrscheinlichen Jubel aufgenommen. Der zweiteilige Abend war mit den „Metamorphosen“ von Richard Strauss in einer revidierten Fassung von 1947 und frei inspiriert nach Motiven von Yoram Kaniuk „Adam Ben Kelev“ gekoppelt, was eine absolut geglückte Klammer ergab.

In beiden Werken geht es um selbstlose Opfer, die in einem traumatisierten Zustand ihr Ich verleugnen. Für diese Inhalte erfand die Choreografin für ihre international erfolgssichere Kompanie TANZLIN.Z mit einfühlsamer Fantasie erregende Geschichten, die das Ensemble mit einer schier unvorstellbaren Leistungsstärke von Körper und Geist auf akrobatischer Höhe realisierte. Das Auge war des Öfteren überfordert, was auf der Bühne von Dirk Hofacker (auch für die Kostüme verantwortlich) passierte, die in die Düsternis des Geschehens getaucht und durch einen Stacheldraht geteilt, gefangen nahm.

Eine vom Regime brutal ausgelöschte Liebe

Den Anfang des Abends machten die „Metamorphosen“ für 23 Streicher, die in chorischer Fassung gespielt wurden. Die Verstärkung intensivierte deutlich die tänzerische Ausdeutung. Lin erzählt dazu von einer Kriegsgesellschaft im besetzten Frankreich. Und von einer verbotenen Liebe (Lara Bonnell Almonem und Nimrod Poles), die das Regime (Filip Löbl, Andrea Schuler und Shang-Jen Yuan) brutal auslöscht. Zum Liebesverzicht verurteilt, zieht der Mann in den Krieg. Mit einem Hoffnungsschimmer endet die Erzählung.

Das zweite Schlüsselwerk „Sacre du printemps“ revolutionierte seinerzeit den Weg zum zeitgenössischen Tanztheater. Heute schockiert Strawinskys Werk kaum, zu dem der Komponist von einem kultischen Ritual mit einem zu Tode tanzenden Mädchen, das dem Frühlingsgott geopfert wird, inspiriert wurde. Lin erfindet zu den „14 Bildern aus dem heidnischen Russland“ eine Handlung in Annäherung an aktuelle Weltereignisse. Adam (Valerio Iurato, in Erinnerung Vincenzo Rosario Minervini) hat die Todeslager des Naziregimes überlebt, seine Familie nicht, für deren Tod er sich schuldig fühlt. Psychisch geschädigt, glaubt er, er sei ein Tier, für ein solches auch das ihm dort begegnete Kind (Núria Giménez Villarroya) gehalten wird. Ihr gleiches Schicksal führt zu einer geheimnisvollen Verbindung bis zur Erinnerung an Adams eigenes Kind. Dabei spielt auch noch eine unerfüllte Liebesbeziehung zu einer Krankenschwester (Mireia González Fernández) eine Rolle, sodass er zum Opfer seiner selbst getrieben wird und neues Leben für das Kind ermöglicht.

Poschner schöpft Partitur vollen Herzens aus

Die tiefgreifenden Seelenlandschaften auf der Bühne begleitet das Bruckner Orchester mit einer hingebungsvollen Wiedergabe der bekannt unorthodox komponierten, technisch besonders schwierig zu spielenden Musik, und dies in einer Hundertschaft des Instrumentariums. Was nur möglich ist, weil Chefdirigent Markus Poschner die komplizierte Partitur aus vollem Herzen und in größter Harmonie mit der Choreografin und ihren Ideen auszuschöpfen versteht. Die ereignisreiche Produktion schien das Publikum wie verwandelt entlassen zu haben.

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