„Es gab überhaupt kein Drehbuch“

Filmemacher Andreas Horvath über seine Heldin Lillian, magische Momente und einen Kontinent

Der Salzburger Filmemacher Andreas Horvath
Der Salzburger Filmemacher Andreas Horvath © privat

Bei den Filmfestspielen von Cannes feierte das Spielfilm-Debüt „Lillian“ des österreichischen Filmemachers Andreas Horvath seine Weltpremiere. Am 22. und 23. August ist der Streifen über eine Frau, die zu Fuß von den USA nach Russland geht, noch vor dem Start in den österreichischen Kinos (6. September) beim Heimatfilm-Festival in Freistadt zu sehen.

VOLKSBLATT: Ihr Film „Lillian“ ist sehr vielschichtig und erzählt sich auf vielen Ebenen. Was war der Ausgangspunkt?

HORVATH: Ausgangspunkt war die wahre Geschichte von Lillian Alling, die in den 1920er Jahren eines Tages zu Fuß aufbrach, um von New York über die Beringstraße in ihre Heimat Russland zurückzukehren. Viel mehr als diesen Kern der Geschichte wollte ich aber gar nicht über die Figur erzählen. Stattdessen schwebte mir von Anbeginn auch ein sehr dokumentarisches Bild von Nordamerika vor, das sich parallel zu Lillians Abenteuer entwickelt.

War Ihnen von Anfang an klar, die Geschichte im Jetzt zu erzählen?

Ja, denn diese Geschichte ist universell und könnte sich heute genauso zutragen. Es schien mir interessanter, dokumentarisch zu arbeiten, als in einem aufwendigen Historienfilm Mutmaßungen über die wahren Umstände von Lillian Allings Unternehmung anzustellen.

Wollten Sie aus der Geschichte immer schon einen Spielfilm machen?

Der Film ist tatsächlich eine Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm. Das war immer so geplant. Der fiktionale Teil von Lillians Reise entwickelt sich ständig weiter, aber immer anhand der realen Situationen, Menschen und Orte, die wir auf der Reise vorgefunden haben. Bis auf Lillian und eine weitere Person spielen alle Darsteller sich selbst.

Auf mich wirkt Lillian wie eine erwachsene Pippi Langstrumpf, die mit dem „echten“ Leben in Berührung gekommen ist, aber „tut was sie will“. Ist es eines Ihrer Motive, eine selbstbestimmte Frau zu zeigen, die unausweichlich und im wahrsten Sinne des Wortes, ihren Weg geht?

Pippi Langstrumpf kam mir auch in den Sinn, ebenso Dorothy aus „The Wizard of Oz“. Bei allen Beschwerlichkeiten und Entbehrungen, die Teil dieser Geschichte sind, habe ich versucht, der Realität auch magische, märchenhafte Momente abzugewinnen. Es war mir wichtig, dass der Film nicht ausschließlich die Tristesse eines entbehrungsreichen Lebens auf der Straße schildert.

Sehr eindringlich erzählen Sie auch die Geschichte von Menschen auf der Flucht. Die Protagonistin flieht jedoch aus den USA. Was erzählen Sie damit auch über das angebliche „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“?

Es ist der Pornoproduzent, der am Beginn des Films Russland als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ins Spiel bringt, und Lillian rät, ihr Glück dort zu versuchen. Das ist natürlich zynisch gemeint. Die Vorstellung von einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist so abgedroschen wie abwegig. Ein anderer Begriff hingegen ist sehr real: „Das Streben nach Glück“, das in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung als fundamentales Grundrecht definiert ist, eint uns alle: Amerikaner, Russen, Mexikaner … Wenn manche Zuseher das ländliche Amerika im Film teilweise als desolat oder deprimierend empfinden, hat das womöglich damit zu tun, dass sie ein falsches Bild von den USA haben. Ich sehe in den geschilderten Menschen und Umständen nichts Trostloses.

Gab es ein fixes Skript mit all den Begegnungen?

Nein, es gab überhaupt kein Drehbuch. Die Idee war, dass die Geschichte im wesentlichen auf der Reise entsteht. Natürlich hatte ich teilweise Vorstellungen, in welche Situationen eine Frau geraten könnte, die Nordamerika zu Fuß durchquert, aber grundsätzlich wurde alles mehr oder weniger mit Laiendarstellern vor Ort improvisiert.

War etwa die Szene mit den Walfängern so geplant?

Ich wusste, dass der Film ohne Lillian mit tschuktschischen Walfängern auf der russischen Seite der Beringstraße enden wird. Insofern war sie Szene geplant. Aber es ist unmöglich, so einen Dreh von Österreich aus im Detail zu organisieren. Wir waren sechs Wochen in Tschukotka und haben verschiedene Orte an der Beringstraße besucht, bis es — tatsächlich erst am letzten Tag — gelang, den Walfang zu filmen. Neben Problemen mit dem Wetter war auch viel Zeit notwendig, um das Vertrauen der Ureinwohner zu gewinnen.

Wie haben die US-Amerikaner reagiert, denen Sie begegnet sind und die von Ihrer Filmidee erfahren haben? Konnten Sie mit der Figur einer aus den USA flüchtenden Russin etwas anfangen?

Ich glaube, jeder Mensch ist fasziniert von dieser Geschichte und kann sich in Lillian hineinversetzen. US-Amerikaner haben zudem ein sehr ungezwungenes Auftreten. Sie haben kein Problem, sich filmen zu lassen und wirken ganz natürlich vor der Kamera. So war es nie notwendig, Schauspieler zu engagieren.

Lassen Sie Lillian bewusst an der Natur und nicht an den Menschen scheitern?

Der große Antagonist ist der nordamerikanische Kontinent. Ihn gilt es zu bezwingen. Aber letztlich erzählt der Film ja nicht Lillians Scheitern! Ihr Schicksal bleibt offen.

Mit
ANDREAS HORVATH
sprach Mariella Moshammer

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