Es gibt nichts Ganzes

Reinhard Kaiser-Mühleckers gefinkelter, komplexer Roman „Enteignung“

1982 in Kirchdorf an der Krems geboren: Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker
1982 in Kirchdorf an der Krems geboren: Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker © APA/Roland Schlager

Von Christian Pichler

Solche Sätze sind radikal anders als die knallbunte Welt, die auf Bildschirmen gezeigt wird. Solche Sätze sollen nicht billig das Dasein „verschönern“, sondern kenntlich machen. Ein gescheiterter Ausflug des Ich-Erzählers mit seiner Geliebten (ist sie seine Geliebte?): „Wir gingen. Auf dem Parkplatz sprach uns jemand an, der wissen wollte, ob schon wieder Betrieb sei, und ich sagte, es habe sich noch nichts getan.“

Der Ich-Erzähler vor fünf Jahren in die Provinz zurückgekehrt, in das Haus seiner verstorbenen Tante gezogen. Ohne rechten Antrieb, kaum mit Empfindungen für die Mitmenschen ausgestattet. Zu dieser inneren Leere passt zu Beginn auch ein drückend heißer Sommer, in dem eine Liebelei mit der Lehrerin Ines „passiert“. Seine Gefühle folgen keiner bekannten Logik. Er, der noch nie verliebt gewesen ist, empfindet plötzlich Eifersucht. Ines hat auch ein sonntägliches Stelldichein mit dem Bauern Flor, den der Ich-Erzähler zur Rede stellen will (weiß Flors Frau vom Verhältnis?). Doch wieder ein Sinneswandel, fast unabsichtlich dient sich der Ich-Erzähler dem Bauern als Aushilfskraft an.

Ein erstaunlich komplex konstruierter Text

Konsequent arbeitet Reinhard Kaiser-Mühlecker in seinem neuen Roman „Enteignet“ die Uneindeutigkeit seiner Figuren heraus. Nur die Bauersleute Flor und Hemma handeln — brutal genug — aus einer Notwendigkeit heraus. Sie sind, damit ihr Betrieb (ein „Hof in den Voralpen“) ökonomisch überleben kann, zu tagtäglicher Plackerei verurteilt. Wachsen oder untergehen, es scheint kein Mittelding möglich. Hinzu kommt ein Konflikt mit der Gemeinde, der Flor in den Ruin treiben könnte. Unterirdisch verlaufen erotische Querverstrebungen. Oder — Liebe?

Kaiser-Mühlecker, 1982 in Kirchdorf an der Krems geboren, bereits vielfach ausgezeichnet, legt mit „Enteignung“ einen gefinkelten, erstaunlich komplex konstruierten Text vor. Die wie protokollarisch aufgefädelte Handlung bieder, umso erschütternder das existenzielle Geröll, das Kaiser-Mühlecker erst auf den letzten Seiten lostritt. Zwei, die die längste Zeit Randfiguren waren, rücken ins Zentrum. Beide trifft das Leben mit aller Wucht. Die Konflikte Flors, darunter die titelgebende Enteignung, entpuppen sich als Lappalie. Das Ende führt dem Ich-Erzähler seine begrenzte Bedeutung vor Augen. Einer, der sich nie festlegen wollte, einmal hatte er kurz eine „Sehnsucht nach etwas Ganzem in meinem Leben“ verspürt: „Nach einer Weile verflüchtigte sich diese Empfindung, und es kam mir nur folgerichtig vor, denn es gab nichts Ganzes.“

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„Enteignung“ erscheint am 27. 2.;
Kaiser-Mühlecker liest am 14. 3. (19.30 Uhr) im Linzer Stifterhaus

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