„Es ist nicht so, dass die Leute zu mir ,Hey, Buhlschaft’ sagen“

Die vielseitige Verena Altenberger über schreckliche Erfahrungen und Zufälle beim „Jedermann“

Die wandelbare Verena Altenberger
Die wandelbare Verena Altenberger © APA/Gindl

Verena Altenberger (33) ist in aller Munde: Seit 17. Juli ist die Salzburgerin die Buhlschaft im „Jedermann“. Gleichzeitig ist die Schauspielerin auch in „Me, We“ von Regisseur David Clay Diaz im Kino zu sehen.

VOLKSBLATT: Sie sind jetzt DIE Buhlschaft. Nervt es Sie, von allen mit dieser Rolle identifiziert zu werden?

VERENA ALTENBERGER: Wenn es jetzt schon nerven würd’ (lacht) … Nein, gar nicht. Es ist ja auch nicht so, dass die Leute zu mir „Hey, Buhlschaft“ sagen. Ich werde schon noch normal angesprochen.

In „Me, We“ stehen Menschen im Mittelpunkt, die Geflüchteten helfen wollen. Was ist denn deren Motivation?

Ich kann natürlich nur über meine Rolle reden. Ich glaube, das menschliche und sehr realistische in „Me, We“ ist, dass alle Figuren, vor allem auch Marie, ganz viele unterschiedliche Motive haben. Es gibt nicht die eine Motivation. Man weiß ja häufig gar nicht, warum man Dinge macht, man macht sie einfach. Wenn man ganz genau hinhorcht, kommt man vielleicht auch auf den einen oder anderen egoistischen Hintergedanken.

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Was hat Sie dazu motiviert, die Rolle anzunehmen?

Grund eins ist, ich habe David Clay Diaz’ Film „Agonie“ gesehen und der hat mir wahnsinnig gut gefallen. Ich dachte, das ist fast wie eine Dokumentation, oder als wäre irgendwo eine Kamera versteckt, so echt haben die Figuren in seinem Film agiert. Das kommt meinem Anspruch an Schauspiel sehr nah, ich möchte nicht spielen, ich möchte sein. Zweitens waren Flucht, Migration und Asyl auch vor „Me, We“ Themen, die mich interessiert haben. Und weil ich wusste, mein Teil der Geschichte wird auf Lesbos gedreht und es Teil des Regiekonzepts ist, dass Schauspielerinnen und Schauspieler auf Laien treffen.

Wie war das dann?

Im Nachhinein denke ich, ich hätte das nirgendwo anders drehen können. Das Erste, was ich verstanden habe, als ich angekommen bin, Moria gesehen habe, war, dass ich bisher keine Ahnung hatte. Keine Ahnung von dem unermesslichen Leid, der Hoffnungslosigkeit, die dort geradezu gezüchtet wird. Wenn man die Zustände sieht und die Routinen, die auf der Insel normal sind, dass in der Früh die Strände abgegangen werden, um zu kontrollieren, ob Leichen angespült wurden, aber daneben liegen schon die Touristinnen und Touristen . Diese Absurdität, dieses großes Leid … da merkt man echt, wie naiv man ist.

Was war das Erschreckendste?

Es war so viel. Es gibt eine Szene, wo ich Speedboot fahre. Ich habe davor in Berlin gedreht und da schon geübt. Aber dann habe ich auf Lesbos noch einmal üben müssen, weil das offene Meer doch anders ist, als die Berliner Binnengewässer. Und mein Speedboot-Lehrer hat gesagt: „Hey, du kannst Gas geben, wir sind am offenen Meer! Das Schlimmste, was sein kann, ist, dass du über eine Leiche fährst.“ Moria zu sehen, das war auch wirklich unglaublich. Tausende Menschen, die unter irgendwelchen Plastikplanen im Schlamm sitzen und erzählen, sie seien jetzt registriert worden und hätten in acht Monaten einen ersten Termin, bei dem sie dann hoffentlich einen Termin für die Anhörung, die dann in 1,5 Jahren ist, bekommen. Und bis dahin warten und irgendwie versuchen, die Hoffnung nicht ganz zu verlieren.

Wie nahe ist Ihnen denn die Figur der Marie?

Das kann ich eigentlich für alle Rollen relativ ähnlich beantworten: Sehr viel und sehr wenig hat das mit mir zu tun. Sehr wenig, weil es eine fiktive Figur ist, mit Texten, die jemand anders geschrieben hat, einer Biografie, die nicht die meine ist. Und viel, weil in dem Moment vor der Kamera bin das ja doch ich. Ich habe mir diese Rolle angezogen, jede Emotion, die ich da empfinde, jede Reaktion, die aus mir herauskommt — das bin ja ich. Ich kann nur als ich reagieren, und ich kann nur wie ich empfinden, in einem Setting, das fiktiv ist.

„Me, We“ wurde ja ganz gekonnt im „Jedermann“ eingebaut, Lars Eidinger sagt es in einem Gedicht. Wessen Idee war das?

Völliger Zufall, ich schwöre! Ich habe nicht gewusst, dass Lars das einbaut, und er wusste gar nicht, wie mein aktueller Film heißt … Ein völlig unabgesprochener Zufall, aber ich habe schmunzeln müssen.

Kommt es ab jetzt immer vor?

Keine Ahnung. Wir sind alle relativ offen und flexibel an den Abenden, es gibt natürlich Verabredungen, die werden eingehalten, aber wir überraschen uns schon noch gegenseitig.

Wie hat sich die Premiere angefühlt? Wie fühlt es sich an, als Buhlschaft, jetzt wo es richtig losgegangen ist?

Voll gut! Einerseits sind fünf Wochen Probenzeit für eine Neuinszenierung wenig Zeit. Es war ja als eine Wiederaufnahme geplant, deswegen nur fünf Wochen. Aber ich hatte dann doch das Gefühl, jetzt wird es Zeit, dass wir herzeigen, was wir gefunden haben. Die Premiere war für mich mein persönlich schönster Theaterabend bisher. Ich habe eine irrsinnige Freude gehabt am Spielen. Und ich habe es geschafft, wirklich im Moment zu sein, was bei der Aufregung nicht so leicht ist.

Sind Sie froh, dass es eine Neuinszenierung geworden ist?

Es sagen immer alle, es war geplant als Wiederaufnahme und das glaube ich ihnen natürlich. Ich bin aber nie mit dem Anspruch angereist, mir auf einem Video anzuschauen, wie die Kolleginnen und Kollegen das im Vorjahr gemacht haben und dann die Wege zu kopieren. Und ich war mir zu 100 Prozent sicher, dass Lars das auch so sieht. Wir sind mit einer großen Offenheit in die Probenarbeit gestartet: Schauen wir mal, was wir finden. Ich glaube, Michael Sturminger, Lars Eidinger und ich — das ist eine wirklich gute Konstellation.

Mögen Sie eigentlich das Trara, das irgendwie zum „Jedermann“ immer dazu gehört?

Mir macht es Spaß, ja. Aber: Es ist ja immer noch kein „normales“ Jahr. Ich gehe immer noch zu sehr wenigen Veranstaltungen, ich bin extrem vorsichtig, weil die Pandemie nun mal noch nicht vorüber ist. Aber auf der Straße werde ich schon relativ viel angesprochen, um Fotos gebeten. Und das finde ich eigentlich total nett. Aufmerksamkeit ist ja Energie. Ich habe das Gefühl, mir wird derzeit viel Energie geschenkt.

Stefanie Reinsperger hat mir erzählt, dass es sehr schwer für sie als Buhlschaft war, die ganzen Kommentare über ihr Aussehen zu ertragen.

Ich kann gar nicht sagen, wie beschissen es ist, dass Abwertung von Frauen, die stark auftreten und im Stande sind, klassische Rollenbilder unserer Gesellschaft zu hinterfragen, immer noch so extrem stattfindet. In den Tagen vor der Premiere hatte ich auch mit einem so genannten „Hatestorm“ zu tun. Täglich hunderte Nachrichten, die vor allem mein Äußeres abwerten wollten. Zu 99 Prozent von Männern übrigens und hauptsächlich darauf bezogen, dass ich jetzt grade, eher zufällig, kurze Haare habe. Ich hatte mir ja für die Rolle einer Krebskranken im Kinofilm „Unter der Haut der Stadt“ eine Glatze rasieren lassen. Und nicht für die Buhlschaft, um gezwungenermaßen ein vermeintlich emanzipatorisches Statement zu setzen. Meine Buhlschaft hat ja nur zufällig kurze Haare. Das Gute ist wirklich, und drauf bin ich stolz, seit der Premiere, seit wir hergezeigt haben, was wir da gefunden haben, gab es überhaupt nichts mehr in die Richtung. Ich habe das in keiner Kritik gelesen, es hat auf Social Media aufgehört. Man muss als Frau offensichtlich immer noch viel mehr beweisen, als als Mann, but I think I did it.

Wie lange planen Sie, die Buhlschaft in Salzburg zu geben?

Man wird sehen …

Beim „Polizeiruf 110“ werden Sie bald die Uniform ablegen und als Kripo-Beamtin ermitteln. Sind Sie schon gut in dem Format angekommen?

Im Winter werde ich den fünften Teil drehen und im Format fühle ich mich mittlerweile schon zuhause, vor allem in der Rolle. Ich hatte ein bisschen Angst, weil die Körperlichkeit, die meine Rolle auch ausmacht, so sehr durch die Uniform vorgegeben war. Aber die Sorge war unbegründet. Ich kann mir die Rolle aus- und anziehen, ohne dass ich die Uniform dafür brauche.

Für Adrian Goiginger („Die beste aller Welten“) standen Sie kürzlich mit „Märzengrund“ wieder vor der Kamera.

Es waren unsere vierten Dreharbeiten gemeinsam und, ja, ich liebe ihn. Er ist einfach ein großartiger Regisseur. Ich finde, dass sich David Clay Diaz und Adrian Goiginger in ihrer Arbeit in gewisser Weise ähneln, bzw. sie schaffen es beide, mir die Möglichkeit zu geben, zu sein und nicht zu spielen. Weil beide wahnsinnig an den Menschen interessiert sind, die da vor der Kamera stehen. Es wird ganz viel gesehen, was man da so tut, an menschlichen Regungen, an kleinen Gesten, Blicken … Und man möchte ja gerne gesehen werden, vor allem auch als Schauspielerin. Ich merke dann immer, dass ich so wahnsinnig Lust bekomme, immer noch mehr und mehr zu geben.

Interview: Mariella Moshammer

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