„Es war von Anfang an klar, dass das eine große Geschichte wird“

Crossing Europe: Daniel Sagers Doku „Hinter den Schlagzeilen“ über die Veröffentlichung des Ibiza-Videos

Am Sonntag um 14.30 Uhr ist Daniel Sagers „Hinter den Schlagzeilen“ im Zuge von Crossing Europe im Linzer Ursulinensaal zu sehen.
Am Sonntag um 14.30 Uhr ist Daniel Sagers „Hinter den Schlagzeilen“ im Zuge von Crossing Europe im Linzer Ursulinensaal zu sehen. © Crossing Europe

Als der deutsche Filmemacher Daniel Sager für seinen Film „Hinter den Schlagzeilen“ Investigativ-Journalisten der Süddeutschen Zeitung zu begleiten begann, ahnte niemand, dass kurz darauf das Ibiza-Videoauftauchen würde.

Das Filmfestival Crossing Europe zeigt den aufschlussreichen Dokumentarfilm, das VOLKSBLATT hat mit Regisseur Daniel Sager gesprochen.

VOLKSBLATT: Investigativ-Journalisten gehen den Dingen auf den Grund und Sie gehen nun dem Investigativ-Journalismus auf den Grund. Wollen Sie das Vertrauen der Menschen in klassische Medien stärken?

DANIEL SAGER: Mir ist in der Vergangenheit in Gesprächen mit meinem Umfeld immer wieder aufgefallen, dass vielen nicht klar ist, welche Arbeit genau hinter Journalismus steht. Und, dass vielen nicht bewusst ist, dass es in Medienhäusern und Redaktionen auch unterschiedliche Meinungen gibt, um die gerungen wird, dass diskutiert wird und dass es auch ein journalistisches Handwerk und eine Sorgfaltspflicht gibt, an die sich Journalisten halten müssen. Deswegen wollte ich im Film nicht, dass die Protagonisten mir das erklären, sondern, dass der Zuseher das wirklich miterleben kann, was es heißt, investigativ zu arbeiten.

War es schwierig, jemanden zu finden, der da Einblicke in seine Arbeit geben wollte?

Das Investigativ-Ressort der Süddeutschen Zeitung hat sich in der Vergangenheit einen Ruf gemacht mit seinen großen Recherchen. So sind wir auf sie aufmerksam geworden. Natürlich war der Annäherungsprozess ein sehr schwieriger, weil viele sich gar nicht vorstellen konnten vor Kameras zu arbeiten. Auch aus den Gründen, weil Quellen geschützt werden müssen, weil nicht alle Informationen an die Öffentlichkeit kommen können, weil sie eben erst verifiziert und eingeordnet werden müssen. Deswegen war der Drehprozess auch schwierig, weil es immer wieder Situationen gab, wo wir nicht dabei sein konnten, zum Beispiel bei Treffen mit Geheimdienstleuten. Oder man musste auch mittendrin mal einfach die Kameras ausmachen, bei Sachverhalten, die erst besprochen werden mussten, und so noch nicht veröffentlicht werden konnten.

Beworben wird Ihr Film mit dem Ibiza-Skandal, der im Zuge Ihrer Arbeit aufgedeckt wurde. Aber das ist nicht das einzige Thema …

Als wir den Film geplant haben, wussten wir nur, dass wir einen Film über investigativen Journalismus machen wollen. Wir wussten aber noch nicht, welche die Recherchen sein würden, die wir begleiten. Dann kam es als Allererstes zu dem tragischen Tod der Journalistin Daphne Caruana Galizia und da war natürlich klar, das muss auf alle Fälle im Film sein, weil sich da die Journalisten ja mit ihrer eigenen Rolle in der Gesellschaft und mit den Gefahren auseinandersetzen. Ein Jahr vor der Veröffentlichung des Ibiza-Videos habe ich schon davon erfahren, und es gibt im Film Szenen, die wir lang vor der Veröffentlichung gedreht haben. Glücklicherweise kam es dann während des Drehzeitraumes noch dazu, dass das Video freigegeben und Teile veröffentlicht wurden. Wir wollten eigentlich nur ein Jahr drehen, dann haben wir um ein Jahr verlängert, damit wir diese Geschichte mit reinbekommen.

Ab wann haben die Journalisten und Sie geahnt, was für eine riesige Geschichte dieses ominöse Video aus Ibiza werden wird?

Es war relativ von Anfang an klar, dass das eine große und wichtige Geschichte sein wird. Das volle Ausmaß ist auch uns erst bewusst geworden, als es veröffentlicht wurde. Ich habe es selbst erst zwei Wochen vor der Veröffentlichung gesehen, als es transkribiert wurde.

Denken Sie, investigativen Journalisten können die Folgen ihrer Enthüllungen immer einschätzen?

Ich glaube, Investigativ-Journalisten tun alles, um die Informationen, die sie bekommen, so gut wie möglich, so verständlich und moralisch richtig wie möglich aufzubereiten. Ich glaube nicht, dass sich das vorher immer abschätzen lässt, welche Wirkung das dann haben wird. Aber das ist auch nicht das Wichtige. Das Wichtige ist die Objektivität und die Konzentration auf die Arbeit und auf die Richtigkeit der Informationen, die veröffentlicht werden.

Als man entschieden hat, Teile des Ibiza-Videos zu veröffentlichen: Hatten Sie das Gefühl, dass man ahnte, dass das die Regierung in Österreich sprengen würde?

Wissen konnte es natürlich keiner, und ich glaube, es hat auch niemand so richtig damit gerechnet. Aber natürlich war klar, dass in dieser Geschichte politischer Sprengstoff liegt.

In ihrem Film sieht man die Journalisten bei der Arbeit, als Privatpersonen lernt man sie nicht kennen. Wie haben Sie sie erlebt? Als knallharte Typen, die angesichts der Dinge, die sie täglich erleben, abgebrüht recherchieren?

Abgebrüht würde ich nicht sagen. Ich würde eher sagen, dass sie sehr analytisch Menschen sind, die sehr bedacht handeln und sprechen, weil sie sich ihrer Rolle und auch der gesellschaftlichen Situation bewusst sind. Auf das Wort von Journalisten wird sehr genau geschaut und man möchte natürlich möglichst vermeiden, Fehler zu machen und damit die eigene Zeitung, die Branche, die eigene Arbeit in Verruf zu bringen. Das führt dazu, dass sie eher einen reservierten Eindruck machen, aber eigentlich habe ich sie als sehr fröhliche, lustige und leidenschaftliche Menschen erlebt.

Sie haben von Geheimdiensten gesprochen, die erste Szene des Films zeigt ein Treffen mit Edward Snowden. Gab es Momente der Angst?

Ich glaube, Angst, das Wort ist vielleicht ein bisschen zu groß. Aber sicher machen sich die Journalisten da schon Gedanken darüber und es werden auch bei Reisen in bestimmte Länder, etwa nach Russland, Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Man ist vorsichtiger geworden.

Weil es gefährlicher geworden ist?

Natürlich hat sich die Situation für Journalisten zugespitzt, weltweit. Wir haben auch schon Journalistenmorde in Europa gesehen, die Lage ist angespannt. Es ist wichtig, dass man da als Gesellschaft ein Auge drauf hat. Die Hemmschwelle Journalisten anzugreifen, hat abgenommen.

Was man in Ihrem Film auch sehr schön sieht, ist, welche Nervosität auch bei diesen „alten Hasen“ kurz vor der Veröffentlichung herrscht.

Haben Sie das auch so erlebt, dass da so eine Spannung aufkommt und so ein journalistisches Feuer brennt?

Ich glaube beides war sehr groß. Zum einen das Feuer und die Leidenschaft und die Freude darüber, eine gute Geschichte zu haben. Gleichzeitig war man auch sehr nervös, obwohl das alles erfahrene Journalisten sind, weil natürlich niemandem klar war, was wird passieren, wenn die Geschichte draußen ist. Und sie konnten trotz der vielen Faktenchecks und der Verifizierung des Videos durch einen digitalen Forensiker nicht einhunderprozentig ausschließen, dass es vielleicht doch eine Fälschung ist und ihnen jemand eine Falle stellen will. Es war auch so, dass wir beispielsweise in den letzten Stunden vor der Veröffentlichung keine Interviews mehr führen konnten, weil die Spannung in der Redaktion so groß war, dass wir niemanden mehr ansprechen konnten.

Andere Szenen, die ich sehr spannend fand, sind jene, in denen man sieht, wieviele Menschen in der Redaktion auch an Entscheidungen beteiligt sind. Weltweit gibt es aber immer mehr „Einzelkämpfer“, Blogger etc., die eben nicht in einer Redaktion mit anderen Journalisten gemeinsam arbeiten …

Ich glaube, dass es am Ende für eine Medienlandschaft immer gut ist, wenn sie divers ist. Ich finde es trotzdem eine positive Entwicklung. Es es ja eine Macht, die die Medien haben, die würde ich auch nur ungern alleine in großen Medienhäusern sehen. Deswegen finde ich es, auch wen es Gefahren birgt, gut, dass es Blogger und Aktivisten gibt, wenn sie der journalistischen Sorgfaltspflicht folgen.

Mit Filmemacher DANIEL SAGER sprach Mariella Moshammer

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