Es wurlt auf der Weihnachtsinsel

Sie heißt zwar Weihnachtsinsel, der Name hat jedoch nur peripher mit dem Fest zu tun: Weil sie einst an einem 25. Dezember, dem Stephanitag, erreicht wurde, hat ihr Entdecker Kapitän William Mynors sie kurzerhand so genannt. Und das leuchtende Rot, das die Küsten der Insel im Indischen Ozean einmal im Jahr überzieht, stammt auch nicht vom Weihnachtsmann, sondern von 50 Millionen Millionen Landkrabben, die sich alljährlich zur Regenzeit hier tummeln.

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Alljährlich machen sich die roten Landkrabben auf den Weg an die Küste, um sich dort der Fortpflanzung zu widmen. © wiki

Vier Wochen lang ereignet sich im November, wenn die Regenzeit einsetzt, ein Naturschauspiel ohnegleichen, wenn Abermillionen Krabben zur Paarungszeit ihre Wanderung vom Regenwald zum Ozean antreten. Als erste gehen die Krabben-Männchen auf den Treck zum bis zu acht Kilometer entfernten Küstenstreifen, dann die Weibchen. Die Tiere bewegen ihre zehn Beine, Scheren mitgerechnet, im Seitwärtsgang und müssen äußerst geschickt im Überwinden diverser Hindernisse sein. Bis zu sechs Meter schaffen sie so pro Minute. Die Bewohner der Insel sperren dann Straßen ab und errichten Blockaden, damit die Tiere ungestört wandern können. Die Krabben nehmen immer wieder den gleichen, relativ geradlinigen Weg. Wenn es ihnen zu heiß wird, ruhen sie tagsüber unter Laub, in Felsnischen oder Baumhöhlen. Gefährlich können ihnen Gelbe Spinnerameisen werden, die in den 1930ern aus Westafrika oder Asien unbemerkt auf Schiffen eingereist sind. Die vier Millimeter großen Ameisen haben sich in den 90ern explosionsartig auf der Insel vermehrt und setzen ihre stark ätzende Säure ein, um die Krabben zu töten, die daran innerhalb von zwei Tagen verenden. Die gefährlichen kleinen Angreifer sollen Millionen von Landkrabben das Leben gekostet haben.
Endlich an der Küste angekommen, tauchen die Krabben erst kurz im Wasser unter, um sich zu erholen, ehe sie in Erwartung der Krabbenweibchen Paarungshöhlen in den Sand graben. Kurz vor Neumond, wenn der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser besonders gering und damit die Brandung weniger gefährlich ist, erfolgt die Vermählung.
Danach kehren die Männchen in die Wälder zurück, während die Weibchen zwei Wochen warten, bis sie den Laich im Meer ablegen können. Die millionenfache Hochzeit endet jedoch meist als Tragödie. Die Weibchen legen die Eier bei Flut ab, die Larven entwickeln sich vier Wochen lang im Wasser und schlüpfen dann. Sie treiben dann im Meer, bis sie als etwa drei Millimeter große Krabben mit der Strömung an Land gespült werden. Ihre Mütter sind vielfach in den Wellen ertrunken. Das hält die Krabben trotzdem nicht davon ab, ihren jährlichen Gang vom Wald zum Wasser anzutreten.

Stichwort: Die Weihnachtsinsel ist eine 135 Quadratkilometer große, politisch zu Australien gehörende Insel im Indischen Ozean, auf der heute rund 2100 Menschen leben. Die australische Bundesregierung erklärte 1980 den von Regenwald bedeckten südwestlichen Teil des Territoriums zum Nationalpark. Das Eiland — es liegt 2.600 Kilometer nordwestlich von Perth und 200 km südlich von Java — ist ein Naturparadies, dessen tropische Wälder Heimat vieler seltener Tiere und Pflanzen sind. Die Gewässer rund um die Insel sind auch ein Hotspot für Taucher. In den Schlagzeilen ist die Weihnachtsinsel immer wieder, weil Australien hier Auffanglager für Bootsflüchtlinge eingerichtet hat und es immer wieder zu Tumulten kommt.