EU will Briten nichts schenken

Großbritannien ist raus aus der EU: Allen, die darüber jubeln, droht ein böses Erwachen

Trauerfreudentag: In Brüssel feiern britische EU-Abgeordnete ihren „Brexodus“.
Trauerfreudentag: In Brüssel feiern britische EU-Abgeordnete ihren „Brexodus“. © AFP/Tribouillard

Freitag, 23 Uhr Ortszeit (24 Uhr MEZ), schlug in London die historische Mitternachtsstunde: Nach 47 Jahren ist Großbritannien aus der EU ausgetreten. Offiziell verzichtete die Regierung von Boris Johnson aus Rücksicht auf die Brexit-Gegner auf eine pompöse Feier, aber die Euphorie der Hardcore-Brexiteers ist kaum zu bremsen.

Während eine Abordnung der Brexit Party mit britischer Flagge und Dudelsackpfeifer an der Spitze ihren „Brexodus“ aus dem EU-Parlament wie einen Triumphzug inszenierte, demonstrierten in London Brexit-Gegner unbeirrt mit Transparenten mit Aufschriften wie „We’ll be back“ (Wir kommen zurück).

Gut möglich, dass sich so mancher Brexit-Jubler auch bald zurück in die EU sehnt. Denn nach der Party droht das böse Erwachen in harten Verhandlungen mit der EU über das künftige Verhältnis. Die EU-Spitzen ließen in den Stunden vor der Londoner Geisterstunde am Freitag keinen Zweifel, dass sie zwar ein gutes Verhältnis zum Ex-Mitglied haben wollen, ihm aber in den Verhandlungen nichts geschenkt werde: „Als gute Freunde können wir hart und fair verhandeln“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei einer gemeinsamen Ansprache mit dem Präsidenten des EU-Parlaments, David Sassoli, und dem Chef des Europäischen Rates, Charles Michel, in Brüssel. „Die EU wird ganz entschlossen ihre Interessen verteidigen“, so von der Leyen.

Das Vereinigte Königreich werde ein Drittstaat sein. „Für alle Drittstaaten gilt: Nur wer die Regeln des Binnenmarktes anerkennt, kann auch den vollen Nutzen des gemeinsamen Marktes ziehen“, unterstrich sie. „Wir wollen die bestmögliche Partnerschaft, aber es ist klar: sie wird nie so gut sein wie eine Mitgliedschaft.“

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Bis zum 31. Dezember gilt nun eine Übergangsphase, in der sich so gut wie nichts ändert, außer dass Großbritannien nicht mehr repräsentiert ist in Brüssel. Währenddessen müssen sich beide Seiten über ein Abkommen einig werden, sonst drohen schwere Konsequenzen für den Handel und weitere Bereiche.

Premier Johnson sagte am Abend in einer TV-Rede, der Brexit sei kein Ende, sondern ein Anfang. „Es ist ein Moment der echten nationalen Erneuerung und des Wandels.“ Seine Aufgabe sei es, das Land zu einen und voranzubringen.

Österreich plädiert für gute Beziehungen

Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzler Sebastian Kurz und Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (beide ÖVP) plädieren für gute und enge Beziehungen zwischen EU udn Großbritannien. „Wir müssen nun alles tun, dass es zu dauerhaft stabilen, freundschaftlichen und guten Beziehungen kommt. Sowohl wirtschaftlich aber auch menschlich”, twitterte Van der Bellen. Gute Lösungen in den Bereichen Pension, Sozialversicherung und Krankenversicherung müssten noch gefunden werden. „Je enger wir in Zukunft zusammenarbeiten, desto besser für uns alle“, findet Kurz.

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