Verlegung von obdachlosen Flüchtlingen in Bosnien ungewiss

Die ursprünglich geplante Verlegung von rund 900 obdachlosen Flüchtlingen aus dem Nordwesten Bosniens in ein Ersatzquartier im Landesinneren wird immer ungewisser. Nach Protesten von Politikern und Bewohnern der Gemeinde Konjic, 45 Kilometer südwestlich von Sarajevo, wurde die Abreise der Migranten vom geräumten und abgebrannten Lager Lipa bei Bihac gestoppt. Österreich will unterdessen eine Million Euro für die Betreuung der Geflüchteten vor Ort zur Verfügung stellen.

Die Busse, die die Menschen am Dienstag nach Konjic hätten bringen sollen, fuhren am Mittwochnachmittag unverrichteter Dinge wieder ab, wie das bosnische Nachrichtenportal „klix.ba“ berichtete. Die Migranten blieben in Lipa unter freiem Himmel und sich selbst überlassen zurück. Die Nacht zuvor hatten sie in den Bussen verbracht, die wegen der Proteste in Konjic nicht abfuhren. Die bosnische Regierung teilte ihnen dort eine ehemalige Armeekaserne im Ortsteil Bradina als neue Unterkunft zu.

Wie das regionale Internetportal TV „N1“ berichtete, blockierten Einheimische aus Bradina die Kaserne. Auch lokale Politiker hätten sich gegen die Entscheidung, die Migranten in der Einrichtung der Armee unterzubringen, gestellt. Dies entspreche nicht der üblichen Vorgehensweise und sei in keiner Art und Weise mit den lokalen Behörden abgesprochen worden, wurde aus einem Statement der Regierung des Kantons Herzegowina-Neretva, in dem Bradina liegt, zitiert.

Internationale Hilfsorganisationen wie die Internationale Organisation für Migration (IOM), das UNO-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR, „Save the Children“ und Médecins du Monde appellierten an die bosnischen Behörden, eine rasche Lösung für die Asylsuchenden zu finden.

Unterdessen will Österreich eine Million Euro für die Betreuung der Geflüchteten in Bosnien-Herzegowina zur Verfügung stellen. Wie das Außenministerium am Mittwoch mitteilte, soll die Hilfe vor allem für die Betreuung von „Frauen, Kindern und unbegleiteten Minderjährigen“ aufgewendet werden. Der Beitrag soll „in den nächsten Tagen zur Verfügung stehen“, hieß es. „Die Situation hat sich in den letzten Wochen extrem zugespitzt. Auch aufgrund der winterlichen Verhältnisse wollen wir hier schnell unseren Beitrag zur Verbesserung der Lebensumstände leisten“, zitierte die Mitteilung Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP).

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Das Camp Lipa liegt in einem unwirtlichen Gelände 25 Kilometer südöstlich von Bihac und wurde im April errichtet, nachdem das Flüchtlingslager Bira am Stadtrand der nächstgrößeren Stadt Bihac aufgrund des Widerstandes der Bevölkerung geschlossen wurde. Vergangene Woche musste die IOM das Camp in Lipa jedoch schließen, da es trotz Versprechungen der Regierung nie an das zentrale Wasser- und Stromnetz angeschlossen wurde und somit nicht wintertauglich war.

Viele der bis dahin rund 1.300 Camp-Bewohner machten sich daraufhin auf in Richtung Serbien, rund 900 harrten bei winterlichen Verhältnissen und notdürftiger Versorgung durch Hilfsorganisationen in Lipa aus. Einige der jungen Männer hatten bei der Räumung aus Wut Zelte und Container in Brand gesetzt.

Während sich auf den griechischen Inseln viele Flüchtlingsfamilien mit Kindern aufhalten, handelt es sich bei den Schutzsuchenden in Bosnien zum überwiegenden Teil um alleinstehende Männer. Knapp 30 Prozent stammen aus Afghanistan, rund 23 Prozent aus Pakistan, 19 Prozent aus Bangladesch und neun Prozent aus Marokko.

Die Caritas sprach angesichts der Situation in Bosnien von einem „Flüchtlingsdrama vor der Haustüre“ und startete Notverteilungen von Bekleidung, Winterschuhen und Schlafsäcken. Über eine spontane Spendenaktion auf Facebook wurden bereits über 100.000 Euro für die Caritas Nothilfe am Balkan gespendet, teilte die Caritas Österreich in einer Aussendung mit. Weitere Spenden würden dringend benötigt. Etwa 3.000 Geflüchtete im nordwestlich gelegenen Kanton Una-Sana hätten kein Dach über den Kopf, lebten in Wäldern und müssten selbst bei Schnee im Freien übernachten, das sei „beschämend“, sagte der Caritas-Direktor von Banja Luka, Miljenko Aničić.

Andreas Knapp, Auslandshilfe-Generalsekretär der Caritas Österreich, zeigte sich besorgt: „Wir erleben alles andere als eine Sternstunde der Europäischen Union. Kleine Kinder, die auf Samos von Ratten gebissen werden. Familien, die auf Lesbos im Dreck leben müssen. Menschen, denen in den Wäldern Bosniens der Kältetod droht. Die Situation ist dramatisch und die internationale Staatengemeinschaft sowie die EU sind hier gefordert, denn es muss unter allen Umständen verhindert werden, dass hier Menschen unversorgt bleiben.“ Rasche Hilfe sei erforderlich, sonst würden Menschen erfrieren.

Ähnlich hatte sich Michael Opriesnig, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, zuvor im APA-Gespräch geäußert. „Es ist ein Trauerspiel, zu sehen, wie man mit den Menschen umgeht“, sagte er zur Situation in Bosnien. Er forderte – auch mit Blick auf die Lage auf den griechischen Inseln – eine gesamteuropäische, nachhaltige Lösung, um dem „unwürdigen Schauspiel“ in ganz Europa ein Ende zu setzen.

In Bosnien-Herzegowina wurden im heurigen Jahr rund 16.000 Migranten registriert. Nur ein Bruchteil von ihnen wollte aber im Land bleiben, die allermeisten wollten weiter Richtung EU.

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