Extra Muskelschicht zum Trainieren

Bewegungseinschränkungen können mit genetischen oder neurologischen Störungen, mit einer Verletzung oder dem normalen Alterungsprozess zusammenhängen. Für Betroffene sind assistive Technologien die derzeit beste Möglichkeit, um mehr Mobilität zu erlangen. Eine davon ist der sogenannte MyoSuit – ein neuartiges Trainingsgerät, das Roboter- mit Textiltechnologie kombiniert.

Der MyoSuit macht Menschen mit Bewegungseinschränkungen wieder Beine. Michael Hagmann, der an einer seltenen Muskelerkrankung leidet, kann damit z. B. gut Treppensteigen. © Myoswiss

Wer sich im Alltag nicht mühelos bewegen kann, verliert oft seine Unabhängigkeit. Geht der Betroffene das Problem nicht an, kann sich die Beeinträchtigung durch Bewegungsmangel verschlimmern. In der Folge treten vermehrt Bewegungsschwierigkeiten auf.

Diese Abwärtsspirale kann sich auch auf andere Funktionen und Strukturen auswirken, zum Beispiel auf das Herz-Kreislauf-System. Mit der richtigen Rehabilitationstherapie, die ein aktivitätsbezogenes, intensives Training umfasst, ist es möglich, die allgemeine Lebensqualität erheblich zu verbessern.

Mit Roboter-Anzug wieder mobil

Das ETH Zürich Spin-off MyoSwiss hat einen Anzug mit vielen technischen Extras für Menschen, die an Mobilitätseinschränkungen leiden, entwickelt. Der MyoSuit ist ein Exomuskel, der Kraft und Stabilität wie eine zusätz- liche Muskelschicht bietet und entschlüsselt die komplexen Vorgänge im Nervensystem, so dass die Anwender selbst entscheiden können wie und wohin sie sich bewegen.

Treppen auf- oder abwärtssteigen, vom Stuhl aufstehen oder das Zurücklegen längerer Strecken werden dadurch wieder möglich. Der MyoSuit kombiniert Roboter- mit Textiltechnologie. Er kann als Trainingsgerät in der Reha- und Physiotherapie eingesetzt werden. Der Therapeut legt die individuellen Trainingsziele mit den Patienten fest und richtet das Training entsprechend darauf aus.

Lorenz Schwärzler erlitt vor mehr als 30 Jahren als 19-Jähriger einen Badeunfall. Dabei verletzte er sich den Halswirbel. Seither lebt er mit einem inkompletten Querschnitt. Er hat Mühe beim Gehen und ist auf Stöcke oder seinen elektrischen Rollstuhl angewiesen. Fällt er hin, ist Lorenz auf Hilfe angewiesen, um wieder aufstehen zu können. Als seine Kinder klein waren, konnte er bei Outdoor-Aktivitäten oft nur zuschauen. Diesen April nahm er, beflügelt durch das Training mit dem MyoSuit, eine Teilstrecke des Zürich Marathons ins Visier. Zudem hat er wieder Spaß daran, mit seinem Hometrainer zu trainieren. Bei seinem ersten Spaziergang mit dem Hilfsmittel an einem See wurde er von Passanten angespornt, so dass der Tag zu einem echten Erlebnis für ihn wurde.

Michael Hagmann erhielt vor drei Jahren die Diagnose Bethlem Myopathie – das heißt, er leidet an einer seltenen Form der Muskeldystrophie. Durch einen Gendefekt kommt es zum fortschreitenden Verlust an funktionstüchtiger Muskelsubstanz, Michael wird immer schwächer. Die Krankheit äußert sich durch eine schnelle Ermüdung der Muskulatur, was dazu führt, dass er beim Gehen längerer Strecken Mühe hat. Ist die Straße uneben oder steil, fällt er des Öfteren hin. Daher ist er im Freien oft mit seinem E-Rolli unterwegs. Ein Versprechen, mit seinem Sohn auf einen Berg zu gehen, konnte Michael noch nicht einlösen, aber durch die Therapie mit dem MyoSuit ist er dem Vorhaben schon einen Schritt näher.

Der MyoSuit kam nach einer Testphase an Kliniken in der Schweiz und Frankreich beim Zürich Marathon und beim Wings for Life Run zum Einsatz. Mit Jahresende soll er europaweit Reha- und Physiotherapie-Einrichtungen angeboten werden. Kostenpunkt: Rund 31.000 Euro.

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