Extravaganter, düsterer Tanz mit bunten Bären

Zügellose Dekadenz: Elfriede Jelineks „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte“ feierte Premiere im Landestheater Linz

Nora (Anna Rieser) feiert in einem großartig inszenierten, dekadenten Tanz das Leben in der Abwärtsspirale. Gerade diese Szene ist wie ein Rausch für Augen und Ohren.
Nora (Anna Rieser) feiert in einem großartig inszenierten, dekadenten Tanz das Leben in der Abwärtsspirale. Gerade diese Szene ist wie ein Rausch für Augen und Ohren. © Petra Moser

Himmel, was war das nur für ein eigentümliches Kunstwerk? Das dachten sich wohl viele Zuschauer, als sie nach dem langen – für die Schauspieler und Regisseurin verdienten – Applaus den Saal der Kammerspiele verließen. Es war schon ein Erlebnis, das da auf das Publikum eingeprasselt ist. Am Samstag feierte Elfriede Jelineks „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften“ umjubelte Premiere am Landestheater Linz. Dieses Stück – eine freie Fortschreibung von Henrik Ibsens Beziehungsdrama „Nora oder Ein Puppenheim“ – war 1977 zugleich Jelineks dramatisches Theaterdebüt.

Die Emanzipation der Frau als alles beherrschender Motor der Handlung: Nora – irrsinnig nuanciert und großartig gespielt von Anna Rieser – hat Mann und Kinder verlassen, um in ein neues und selbstbestimmtes Leben aufzubrechen. Mit einer rosa Rakete landet das bis unter die Augen aufgestylte Mädchen in einem dreckigen Erdloch. Hier, in einer Textilfabrik scheinbar (?), nimmt sie eine Arbeit an. Doch von ihren hart schuftenden Kolleginnen – aufreizend gekleidet, wie aus einem japanischen Manga entsprungen – erntet sie vor allem Unverständnis für ihre Entscheidung, ihr behütetes, bürgerliches Leben aufzugeben. Und doch wird sie sogleich von ihnen begehrt wie ein Gott. Ebenso von der Konsulin Weygang (Hanna Binder), die neben ihren Jobs als Personal Trainer von Andreas Gabalier, Finanzhai und Aufsichtsratsgremiumsmitglied der Bank Austria, Voest und Brau Union unbedingt auch noch durch Nora ihre Bedürfnisse nach Liebe stillen muss. Und ab diesem Zeitpunkt geht es für Nora nach all den naiven Selbstverwirklichungsgedanken eigentlich nur noch bergab und das dekadente Spiel des Kapitalismus nimmt ihren Lauf.

Regisseurin Charlotte Sprenger geht dabei mit großem Respekt vor der Sprache und dem zugrundeliegenden Text der Literaturnobelpreisträgerin um, drückt dem Werk aber auch deutlich ihren eigenen Stempel auf. Alleine das Setting vermag zu beeindrucken: Aleksandra Pavlovic lässt das Bühnenbild mit Erdloch und umgebener cleaner Laborkulisse derart entrückt erscheinen, dass man glaubt, man sei auf einem fremden, düsteren Planeten.

Dystopisches Spiel à la Stanley Kubrick

Wahrlich faszinierend ist Sprengers Liebe zum Detail, was die Ausstattung und das beklemmende Sounddesign angeht: Eindeutige Anleihen an Filmregielegende Stanley Kubrick lassen sich im Werk zahlreich finden; mitten im dystopischen Spiel fühlt man sich etwa immer wieder an „Uhrwerk Orange“ und „Shining“erinnert. Gerade hier erfährt das Stück seinen zügellosen Höhepunkt, der in einem durchgeknallten, grandios inszenierten Tanz mit grellbunten Haustier-Bären zu Billie Eilish und Nebelschwaden mündet. An Extravaganz nicht zu überbieten. Neben der visuellen und akustischen Brillanz des knapp zweistündigen Werks überzeugt vor allem die Leistung der Schauspieler. Hier ist ein herrlich-witziger Dialog zwischen Noras Ex-Mann Torvald Helmer (Alexander Julian Meile) und seiner neuen, sich an seinen „Hochfinanz“-Reden aufgeilende Frau Linde (in Spiel, Mimik und Gestik mehr als grandios: Jan Nikolaus Cerha) herauszustreichen.

Jelineks Text steht ihrem eigenen Stück im Weg

Gegen Ende hin und nach mehreren Brandreden für den Feminismus, ermüdet allerdings das heillos überfrachtete Stück zusehends. Einen großen Anteil daran hat Jelineks verklausulierte Sprache. Nicht von ungefähr wird die Souffleuse an manchen Stellen ungewöhnlich oft verlangt, der komplexe Text als Hindernis. Publikum als auch Darsteller, sie werden am Ende erschlagen von Worten. Charlotte Sprengers Inszenierung verliert sich hier leider im Text. Zu unnötig, die Ehrfurcht vor diesem.

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