Exzess mit Ansage: Deichkind in der Wiener Stadthalle

Wenn Deichkind auf der Bühne stehen, handelt es sich schon längst um kein normales Konzert mehr: Die Hamburger Formation, die es sich musikalisch irgendwo zwischen Electro, Hip-Hop, Pop und Dadaismus bequem gemacht hat, steht schon seit Jahren für Exzess mit Ansage. So auch am Freitagabend in der Wiener Stadthalle, die sich für zweieinhalb Stunden zu einem Raum ohne Regeln verwandelte.

Anlass für die Tour ist das im Vorjahr veröffentlichte Album “Wer sagt denn das”. Für die 10.500 Fans in der Halle schien das allerdings eher zweitrangig. Deichkind schauen, das macht man auch ohne konkreten Grund, da muss man einfach dabei sein. Dementsprechend gab es nicht wenige, die sich in Schale geworfen hatten, kunterbunte Kostüme trugen oder die ikonischen Pyramidenhüte der Deichkinder in mal mehr, mal weniger gelungener Ausführung spazieren trugen.

Entfacht wurde der Partyreigen mit ungewöhnlich leisen, geradezu klassischen Tönen: Eine fast zehnminütige Einspielung zeigte eingangs den von der Band quasi adoptierten Schauspieler Lars Eidinger in all seiner Pracht. Durfte der Mime im Video zu “Keine Party” (damit sollte das reguläre Set schließlich auch beginnen) noch durch Berlin stampfen, wurde er nun nackt in einen blauen Farbtopf getaucht und als menschlicher Pinsel missbraucht. Das so entstandene “Kunstwerk” war dann auch eines von mehreren Bühnenbildern, die den Abend optisch aufwerteten.

Und zu sehen gab es wahrlich genug: Zwar sind die Gesichter von Deichkind eigentlich die beiden Rapper Philipp Grütering und Sebastian “Porky” Dürre, aber wer da nun wirklich auf der Bühne herumsprang, das war nicht auszumachen. Mal zu dritt, dann zu siebt wurden Stücke wie “So ‘ne Musik” oder das ziemlich gesellschaftspolitische “Quasi” aufgeführt, kam die druckvolle Musik ausschließlich vom Band und schrieb man Animation groß. Da leuchteten die digital aufgewerteten Anzüge, ging es im hip-hoppigen Outfit mit Kunstanstrich durch schräg-einfältige Choreografien und steckten die Performer schon mal in riesigen Köpfen mit rot leuchtenden Augen (“Voodoo”).

“Das Ticket fängt ja an zu wirken, das ihr gekauft habt”, entfuhr es Dürre, als das Publikum bei “Party 2” und dem eingestreuten Daft-Punk-Zitat von “Around The World” nach einer guten Stunde auf Betriebstemperatur war. Immer wieder bildeten sich kleine Circle Pits, gingen die Hände in die Höhe und sprangen alle, die dazu noch imstande waren. Denn Zeit zum Durchschnaufen blieb bei dieser Show nicht. Lag der Fokus der ersten Hälfte auf dem aktuellen Schaffen, so gab es nach einer weiteren Videoeinspielung, die die Aus- und Nachwirkungen einer Deichkind-Party veranschaulichte, nur noch Hits, Hits, Hits.

Und davon hat die Gruppe in ihrem gut 20-jährigen Bestehen reichlich abgeliefert. “Bück dich hoch”, “Leider geil” oder “Arbeit nervt” wurden frenetisch bejubelt, das fast schon old-schoolig anmutende Hip-Hop-Intermezzo mit “Komm schon!” und “Bon Voyage” rief nostalgische Gefühle hervor und zum Schnellschuss “Oma gib Handtasche” muss man nur soviel sagen: Trampoline, so weit das Auge reicht! Wohl nicht nur für die Rapper ein Grund für “Schmetterlinge im Schlauch, äh… Bauch”, wie der Anhängerschaft mitgeteilt wurde.

Unzählige Kostümwechsel, T-Shirt-Kanonen, fahrende Bühnenelemente und in die vordersten Reihen geschossene Papierschlangen später ging es dann ins große Finale. Zunächst nutzten Deichkind das gemeinsam mit Rammstein-Sänger Till Lindemann eingespielte “1.000 Jahre Bier”, um die offenbar immer noch durstigen Fans mit dem Gerstensaft zu versorgen, bevor die Gruppe einmal alles mit Nachschlag servierte. Bei “Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)” wusste man schon gar nicht mehr, wo man zuerst hinschauen sollte: Einer surfte auf einem riesigen Schlauchboot durch die Reihen, während auf der Bühne ein überdimensionaler Kothaufen aus Plastik vom Rest umtanzt wurde. Der wortwörtliche Ritt auf dem Fass (!) war da übrigens schon einige Minuten her.

Keine Party ist wie eine Deichkind-Party, das kann man auch im Jahr 2020 unterschreiben. Wer glaubte, mittlerweile vielleicht schon alles gesehen zu haben, wurde eindrucksvoll eines Besseren belehrt. Eine Schaufel mehr geht bei dieser Truppe, die sich dem Irrsinn mit gehaltvoller Botschaft (für die, die es hören wollen) verschrieben hat, immer noch. Und was auch auffiel: Das erreicht nun ein Publikum von 9 bis 99, waren doch nicht wenige Fans der ersten Stunde mit ihrem Nachwuchs zum musikalisch-performativen Abriss gekommen. Schließlich kann man ja nicht früh genug damit beginnen.

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