EZB leitet das Ende des Zinstiefs ein

EZB-Chefin Lagarde gibt weiteren Kurs der Geldpolitik bekannt © APA/AFP Pool (Themenbild)/Daniel Roland

Europas Währungshüter leiten angesichts der Rekordinflation einen Kurswechsel ein und machen Sparern Hoffnung auf steigende Zinsen. Die milliardenschweren Netto-Anleihenkäufe laufen mit 1. Juli aus, bei der Sitzung am 21. Juli will die Europäische Zentralbank (EZB) dann die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte anheben. Es wäre die erste Zinserhöhung im Euroraum seit genau elf Jahren und voraussichtlich der Anfang einer Serie von Zinsschritten nach oben.

„Der EZB-Rat geht davon aus, dass er die EZB-Leitzinsen im September erneut anheben wird“, teilte die Notenbank nach der auswärtigen Sitzung des Gremiums am Donnerstag in Amsterdam mit. Dann sei auch „ein größerer Zinsschritt“ möglich, sollten die mittelfristigen Inflationsaussichten unverändert bleiben oder sich verschlechtern, wie EZB-Präsidentin Christine Lagarde erläuterte. Die Normalisierung der seit Jahren ultralockeren Geldpolitik sei „nicht nur ein Schritt, es ist eine Reise“, sagte die Französin.

Schon vor der Sitzung am Donnerstag hatte es Forderungen nach einer Zinserhöhung um 0,50 Prozentpunkte gegeben – und das möglichst sogar schon im Juni. „Die EZB kündigt zwar eine erste Leitzinserhöhung im Juli und das Ende der Negativzinsen im September an. Dieser Zeitplan ist allerdings immer noch zu zögerlich“, kritisierte unter anderen der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), Christian Ossig. „Das fundamental geänderte Preisumfeld rechtfertigt einen negativen Leitzins bis in den Herbst hinein nicht mehr.“

Iris Bethge-Krauß, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB), forderte „einen verlässlichen Ausstiegsplan und über den Sommer konkrete Zinsschritte raus aus der expansiven Geldpolitik“.

Doch zunächst bleibt der Leitzins im Euroraum auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Banken müssen für geparkte Gelder bei der EZB weiterhin 0,5 Prozent Zinsen zahlen. Viele Geldhäuser berechnen deswegen Kunden ab bestimmten Summen auf dem Konto ein sogenanntes Verwahrentgelt.

In den vergangenen Wochen hatte der Druck auf Europas Währungshüter zugenommen, mit Zinsanhebungen die rekordhohe Teuerung einzudämmen. Im Euroraum lagen die Verbraucherpreise im Mai 2022 um 8,1 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonates, in Europas größter Volkswirtschaft Deutschland sprang die jährliche Inflationsrate im Mai mit 7,9 Prozent auf den höchsten Stand seit fast 50 Jahren.

Mittlerweile rechnet die EZB für das laufende Jahr mit 6,8 Prozent Inflation im Euroraum. Im März war die Notenbank noch davon ausgegangen, dass die Verbraucherpreise im Schnitt um 5,1 Prozent über dem Vorjahresniveau liegen würden. Die EZB strebt für den Währungsraum der 19 Länder mittelfristig stabile Preise bei einer jährlichen Teuerungsrate von 2 Prozent an. Höhere Inflationsraten schmälern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern, das heißt sie können sich für einen Euro weniger leisten.

Getrieben wird die Inflation seit Monaten vor allem von steigenden Energiepreisen, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nochmals kräftig anzogen. Auch Probleme in den Lieferketten sorgen für steigende Preise.

Ifo-Präsident Clemens Fuest bewertete die EZB-Entscheidungen als „einen richtigen Schritt, der aber zu spät kommt“. Fuest sagte in München: „Die Preissteigerungen betreffen nicht nur Energie und Lebensmittel, sie gewinnen an Breite.“

Während andere Notenbanken wie die Federal Reserve in den USA oder die Bank of England wegen steigender Inflationsraten ihre Leitzinsen bereits mehrmals erhöhten, hielten Europas Währungshüter lange an der Einschätzung fest, die steigende Teuerung sei von Sonderfaktoren getrieben und daher vorübergehend.

Nun versucht die EZB eine Gratwanderung zwischen hoher Inflation und gestiegenen Risiken für die konjunkturelle Erholung aus dem Coronatief wegen des Ukraine-Krieges. Die Wirtschaft im Euroraum wird nach der neuesten EZB-Vorhersage heuer um 2,8 Prozent zulegen. Im März war die EZB noch von 3,7 Prozent Plus ausgegangen.

Eine zusätzliche Hürde bei der geldpolitischen Normalisierung: Die EZB hatte in ihrem längerfristigen Ausblick (“Forward Guidance”) festgelegt, dass sie bei einer Normalisierung der Geldpolitik zuerst die Anleihenkäufe beenden und danach die Zinsen anheben wird. Der Beschluss des EZB-Rats vom Donnerstag, dass die Notenbank nur noch bis Ende Juni frische Milliarden in den Erwerb von Staatsanleihen und Unternehmenspapieren steckt, war also Voraussetzung für einen Zinsschritt im Juli. Gelder aus auslaufenden Wertpapieren will die EZB allerdings „für längere Zeit“ in neue Anleihen reinvestieren.

Um im Zuge des Aus für die Anleihenkäufe ein unerwünschtes Auseinanderlaufen der Renditen für Staatsanleihen in der Währungsunion zu verhindern, will die EZB notfalls auch neue Instrumente einsetzen. „Wenn es notwendig ist, werden wir entweder bestehende angepasste Instrumente oder neue Instrumente einsetzen“, sagte Lagarde. „Wir sind der ordnungsgemäßen Übertragung unserer Geldpolitik verpflichtet. Und daher werden wir eine Fragmentierung in dem Maße vermeiden, wie sie diese Übertragung beeinträchtigen würde.“

Die Käufe haben bisher die Renditen bei Staatsanleihen auch in Ländern mit hoher Staatsverschuldung wie Italien gedrückt. Die EZB will nun einer „ungerechtfertigten“ Ausweitung des Renditeabstands – des sogenannten Spreads – zwischen den Schuldenpapieren der Kernländer der Eurozone und der Peripherie entgegenwirken. In den vergangenen Wochen waren die Spreads bereits stark auseinandergelaufen. Für Papiere aus Peripherie-Ländern verlangen Investoren Risikoaufschläge, was die Staatshaushalte von Ländern wie Italien und Griechenland belasten dürfte.

Das könnte Sie auch interessieren

Wie ist Ihre Meinung?

Um Ihre Meinung zu posten, müssen Sie bei Facebook registriert und angemeldet sein.

Social Media Inhalt
Ich möchte eingebundene Social Media Inhalte sehen. Hierbei werden personenbezogene Daten (IP-Adresse o.ä.) übertragen. Diese Einstellung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in der Datenschutzerklärung oder unter dem Menüpunkt Cookies geändert werden.