Familiengeschichten von hart bis zart

Festival „nextcomic“ startet am Freitag mit internationalen und lokalen Künstlern

Regina Schrattmaier ist mit „Manga-Illustrationen“ bei „nextcomic“ vertreten.
Regina Schrattmaier ist mit „Manga-Illustrationen“ bei „nextcomic“ vertreten. © R. Schrattmaier

Statt der üblichen Veranstaltungen und Partys gibt es heuer mehr im Netz, wie etwa Interviews mit den Künstlern oder Online-Leseproben.

Der Ausstellungsteil des Festivals „nextcomic“ kann 2021 hingegen ungestört stattfinden — ab Freitag (30.4.), selbstverständlich unter Einhaltung der geltenden Maßnahmen, für die jedoch im OÖ Kulturquartier ausreichend Platz vorhanden ist.

Neben den Räumlichkeiten in diesem Festivalzentrum, wo nationale und internationale Künstler ihre Werke zeigen, findet „nextcomic“ auch an acht weiteren Orten in Linz statt, wie etwa dem Atelierhaus Salzamt, dem Stifterhaus, der Kunstuni und dem Ars Electronica Center.

Pandemie überschattet „nextcomic“ nicht

Also auf die Maske und ab in die Welt der gezeichneten Bilder und Texte, erneut hervorragend kuratiert von Katharina Acht. Nicht nur die selbstgetragene Maske lässt die Pandemie nicht vergessen, auch inhaltlich taucht sie immer wieder auf, überschattet aber nichts, wie auch Programmbeirat Gottfried Guschelbauer, der für das Festival immer wieder vom Karikaturenmuseum Krems, das er leitet, nach Linz zurückkehrt, betont.

Das eigentliche und auch klar dominierende Leitbild der Ausstellungen ist „next family“, wobei der Familienbegriff zeitgemäß sehr weit gefasst wird und in der Comicwelt auch etwa Tiere miteinschließt. „Die Familie als soziale Gruppe“, wie es in der Schau heißt — und die war und ist massiv mit dem Virus konfrontiert.

Gar kein Thema spielt das aber in Leopold Maurers Werk „Insekten“, das er gemeinsam mit seiner Frau Regina Hofer geschaffen hat und in Teilen im Kulturquartier zu sehen ist. Das Medium Comic bedient durchaus auch schwere Themen.

Hofer und Maurer haben sich einer Vergangenheit, einer Familiengeschichte angenommen, wie sie viele verfolgt. Rund zehn Jahre bevor ihr Buch entstand, führten sie Gespräche mit dem Großvater Maurers, der in der Waffen-SS diente. „Er hat mir vom Krieg erzählt“, fasst Maurer die schwer verdauliche Geschichte zusammen.

Grausames in reduzierten Bildern und Texten

Mit genügend Abstand und nach dem Tod des Großvaters und der Großmutter entstand ein beeindruckendes Buch, in dem Regina Hofer reduziert, mit wenigen schwarzen und weißen Flächen, exakten, aber sich zurücknehmenden Strichen und einzeln gestreuten Wörtern und Sätzen die grausame Geschichte des Großvaters und damit einer ganzen Generation erzählt.

Maurers Part unterscheidet sich nicht nur stilistisch, er zeigt auch einen ganz intimen, privaten, familiären Zugang zu der Vergangenheit auf, setzt sich mit dem Verhältnis des Enkels zum Großvater und der eigenen Kindheit auseinander.

Mit der menschgewordenen Natur und Sozialen Medien setzt sich der Berliner Lukas Jüliger in „Unfollow“ auseinander. 2018 noch vor Greta Thunbergs Hype entstanden, löste das Werk bei seiner Erscheinung 2020 dann seinen ganz eigenen Hype aus. „Es ist irgendwie ein Abbild meiner Frustration geworden“, sagt Jüliger zum Inhalt.

Mit der Pandemie möchte er sich in seinem nächsten Werk nicht auseinandersetzten. „Ich habe keine Lust mehr auf Krisen.“ Von der Kritik werde ihm „unterstellt“, am „Nerv der Zeit“ zu sein — genau darauf habe er keine Lust mehr. Ob sich das umsetzen lässt, daran zweifelt er selbst.

Familiärer Tratsch im Wolfsbauch

Ein ebenso absurdes, wie nachvollziehbares Setting hat Chiny Udeani aus Linz für ihr Comic gewählt. Großmutter und Enkelin unterhalten sich intensiv, lassen die Generationen aufeinanderprallen. „Warum habt ihr für unserer Rechte nicht früher gekämpft?“, scheint die Jüngere anzuklagen.

Und wo findet dieser familiäre Tratsch statt? In einem absolut abgeschlossenen Raum, aus dem keiner entkommen kann. „Im Wolf“, lautet die Antwort von Udeani. Denn die Großmutter ist die Großmutter, die Enkelin das Rotkäppchen. Dass in der Grimmschen Vorlage just ein Jäger sie befreit …

Comics hat Udeani schon immer gezeichnet, ohne sie als solche zu definieren. Nur Bilder waren ihr zu wenig, nur Text auch. Und in den kurzen Szenerien kann sie schnell auf ihre Welt reagieren. So tun es auch viele der anderen gezeigten Arbeiten und konfrontieren die Besucher kompromisslos mit ihrer Gegenwart.

„nextcomic“: Von 30. April bis 8. Mai u. a. im OÖ Kulturquartier, Stifterhaus, in der Kunstuni und online auf nextcomic.org

Von Mariella Moshammer

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