„Female Sensibility“: Feministische Avantgarde im Lentos

„Feministische Avantgarde“ ist zu einem Begriff geworden. Seine weltweite Bedeutung verdankt er der Sammlung Verbund und deren Leiterin Gabriele Schor, die einen Sammlungsschwerpunkt auf Künstlerinnen der 1970er-Jahre legte. Nach erfolgreichen Stationen u.a. in Brüssel, Hamburg, London, Madrid und Wien gastieren Teile der Sammlung ab morgen im Linzer Lentos. Werke von 82 Künstlerinnen werden gezeigt, darunter von 17 Österreicherinnen.

„Ich finde das ziemlich viel. Das zeigt, dass wir in Österreich ein großes Potenzial an feministischer Kunst haben“, sagte Schor bei der heutigen Presseführung. Es gibt aber auch noch viel Potenzial, die Sichtbarkeit weiblicher Kunst in Museen zu vergrößern. Während in der 2004 gegründeten Kunstsammlung der mehrheitlich im Besitz der Republik stehenden Verbund AG rund drei Viertel der vertretenen Künstler weiblich sind, zeige eine von ihr angeregte Erhebung in der Sammlung des Lentos ein anderes Bild, sagte Direktorin Hemma Schmutz: „Das Ergebnis ist ein bisschen ernüchternd und auch erschreckend. Wir haben nur 14,8 Prozent Künstlerinnen in unserer Sammlung.“

Das Lentos habe aber „immer wieder Momente des Aufbruches in seinen Ausstellungen gezeigt“, und um einen solchen langen Moment handelt es sich aus Sicht der Frauen und der Kunst von Frauen bei dem Zeitraum 1970 bis Mitte der 80er-Jahre, den die Schau „Female Sensibility. Feministische Avantgarde aus der SAMMLUNG VERBUND“ umfasst. „Es ist auf jeden Fall eine historische Ausstellung“, hob Schor hervor. „Und es ist keine Frauen-Ausstellung. Es ist eine Themen-Ausstellung. Es geht explizit um feministische Werke.“ Abstrakte Arbeiten hätten keinen Eingang in die Schau gefunden, die als „ongoing project“ gegenüber früheren Stationen – wie etwa „Women“ 2017 im Wiener mumok – um zahlreiche neue Positionen und einige wesentliche Aspekte erweitert worden sei.

So seien erstmals afroamerikanische Künstlerinnen einbezogen worden, die durch Gender, Rassismus und Klasse oft eine dreifache Diskriminierung erfahren hätten. „Gerade wegen der Black-Lives-Matter-Bewegung war mir wichtig, dass wir sie inkludieren.“ Dann seien diesmal auch Künstlerinnen aus den ehemaligen kommunistischen Ländern einbezogen worden. Tatsächlich ist eine der erstaunlichen Erkenntnisse der Linzer Ausstellung, an wie vielen Orten der Welt Künstlerinnen an denselben Themen gearbeitet hatten, meist ohne von einander zu wissen.

Lydia Schouten zeigt in einem Video eine Frau im Käfig, wenige Schritte weiter ist auf einer Fotoserie von Anneke Barger eine Frau zu sehen, die ins Netz gegangen ist. Die von Schor als Kuratorin in fünf Themenbereiche von „Mutter, Hausfrau, Ehefrau“ bis „Weibliche Sexualität“ gegliederte und von Klemen Breitfuss gestaltete Ausstellung bietet eine Fülle solcher Querverbindungen. Frauen auf der ganzen Welt empfanden ihre gesellschaftliche und politische Unterdrückung ähnlich und verarbeiteten dies oft auf ähnliche (und dabei häufig die männlich konnotierte Malerei beiseitelassende) Weise in einer kämpferischen Kunst, die dennoch manchmal schmunzeln lässt: „Durch die Ausstellung zieht sich Humor und Ironie – als Waffe gegen das Patriarchat“, so Schor.

Video
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Natürlich stößt man in „Female Sensibility“ auf zahlreiche Ikonen der jüngeren heimischen Kunstgeschichte – von VALIE EXPORTs Tapp- und Tastkino über Arbeiten von Renate Bertlmann und Birgit Jürgenssen bis zu Karin Macks Fotoserie am Bügelbrett oder Margot Pilz’ Arbeiterinnenaltar, in denen sie bereits 1981 den Gender Pay Gap in einer Kaffeerösterei anprangerte. „Der besteht ja weiter und ändert sich nur langsam“, ärgerte sich Pilz, die neben Mack, Veronika Dreier und Anita Münz bei der heutigen Presseführung anwesend war. „Mein Eindruck ist, dass die jungen Frauen von heute deutlich selbstbewusster sind. Wir älteren Künstlerinnen können von ihnen lernen, auch den Umgang mit den neuen Medien“, sagte Münz. „Ich möchte ja aktuell bleiben und mit der Zeit mitgehen.“

„Ihr habt das Bild der Frau neu definiert. Ihr seid Pionierinnen!“, wandte sich Schor direkt an die Künstlerinnen und nannte den Begriff der Avantgarde „eine Auszeichnung“. Die nächste Station der Word Tour der „Feministischen Avantgarde“ ist im Mai des kommenden Jahres Novi Sad. Die Europäische Kulturhauptstadt 2022 habe für jedes Monat ein anderes Motto, sagte Schor. „Im Mai lautet das Motto HeldInnen. Ihr seid also Heldinnen!“

(S E R V I C E – „Female Sensibility. Feministische Avantgarde aus der SAMMLUNG VERBUND“, Ausstellung im Lentos in Linz, 24. September bis 9. Jänner 2022, Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein zweiter Band zum 2015 im Prestel Verlag erschienenen, im Handel vergriffenen Katalog. 512 und 224 Seiten. 49 Euro, )

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