Feministisches und anderes Streben nach Freiheit

Francisco Carolinum zeigt Ausstellung zu Natalia LL, der Grande Dame der polnischen Kunst

Natalia LL, Word, 1971
Natalia LL, Word, 1971 © Courtesy the artist and gallery Lokal_30

Junge Frauen, die genüsslich Bananen, Würste oder Eis verspeisen, nackte Körper. Was auf den ersten Blick Tabubrüche, selbstbewusste, feministische Positionen darstellt, hat bei der polnischen Künstlerin Natalia LL auch andere tiefgreifende Aspekte.

Das Linzer Francisco Carolinum präsentiert bis 26. September unter dem Titel „The mysterious world — Natalia LL“ Werke der Grande Dame der zeitgenössischen polnischen Kunst, die in mancher Hinsicht Parallelen zur heimischen Ikone der Medienkunst, der gebürtigen Linzerin VALIE EXPORT, zeigt.

Sehnsuchtsobjekte

Beide Frauen haben sich mit ihren Künstlernamen emanzipiert, wuchsen aus einer Zeit heraus, in der Frauen um Freiheiten kämpften, beschäftigen sich mit gleichen Themen und beschreiten neue Wege.

Bei Natalia LL, eigentlich Lach-Lachowicz, kommt dazu, dass sie aus einem Land stammt, in dem es mit der Freiheit der Menschen unabhängig vom Geschlecht in den 1970ern nicht weit her war und in dem bestimmte Lebensmittel — etwa Bananen — Mangelware waren. So sind die Gegenstände in der berühmten Fotoserie „Consumer Art“ (1972-1975) auch als Sehnsuchtsobjekte zu verstehen.

Fotografie als Kunstform

„Das gesamte Werk von Natalia LL ist wenig bekannt“, sagt Kuratorin Nathalie Hoyos. „Das Francisco Carolinum beschäftigt sich in der ersten musealen Einzelausstellung außerhalb Polens mit fünf Jahrzehnten des Schaffens der Pionierin feministischer Kunst, die auch Wegbereiterin der Neoavantgarde in ihrem Land war.“

Natalia LL wurde 1937 in Zywiec geboren und begann zunächst, Glasdesign zu studieren. Recht schnell wandte sie sich jedoch der Fotografie zu, die „damals noch eher den Stellenwert eines Hilfsmittels als einer eigenen Disziplin hatte“, so Hoyos. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Andrzej Lachowicz und zwei weiteren Künstlern gründete sie 1970 in Wroclaw, wo sie seither den Großteil ihres Lebens verbracht hat, die Galerie PERMAFO (Permanente Fotografie und Formalisierung), in der neue und veränderte künstlerische Aktivitäten möglich gemacht und versucht wurde, die verkrustete Strukturen der kommunistischen Gesellschaft aufzubrechen. Die Galerie wurde 1981 mit der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen geschlossen.

Natalia LL widmete sich hier nicht nur ihrem fotografischen Werk, sondern verfasste auch viele theoretische Schriften zu ihrer Kunst und ihrer Kunstform. Zitate der Künstlerin begleiten in der Schau ihre Werke.

Nähe von Wort und Bild

Gesichts- und Körperstudien, die nüchterne Aufzeichnung der Wirklichkeit, markierten die ersten Jahre in Natalia LLs künstlerischem Leben, „Body Topologies“ (1967) im ersten Raum zeigen einmal die Künstlerin selbst, einmal ihren Ehemann nackt, ohne Attribute, und erinnern die Kuratorin an Darstellungen von Adam und Eva.

In Arbeiten wie „Word“ (1971) entwickelt Natalia LL „ihre eigene Grammatik der Kunst“, so Hoyos. Auch in „Alphabet of the Body” (1974) und „Natalia ist Sex“, Arbeiten, in denen Bilder von nackten Körpern beim Sex zu Buchstaben werden, geht es um die Nähe von Wort und Bild, damit nimmt die Künstlerin auch die Reduktion ihrer Arbeit auf das Pornografische durch die Zensur vorweg.

„TAK“ (1971, auf Deutsch Ja) ist quasi eine Tapete, auf der Münder dem Betrachter das titelgebende Wort entgegenzurufen scheinen: „Ja zum Leben, zum eigenen Körper, zur Suche nach Freiheit“, so Hoyos. Oft findet Natalia LL einen spielerischen humorvollen Zugang, etwa, wenn sie sich für „Animal Art“ als Venus mit Pelz ablichtet.

Die ebenfalls in Linz gezeigte Serie „Consumer Art“, in der sie — nahe an der Werbesprache — mit Erotik, Sinnlichkeit, dem Bild der Frau spielt, war es, die ihr in den 1970ern den internationalen Durchbruch verschaffte.

In den 80ern wendet sich Natalia LL vom sexualisierten Körper ab, Mystik, Irrationales und Unbewusstes beeinflussen sie nun. In der Performance „Dreaming“ (1978, 1979) schläft sie vor Publikum, versetzt sich in einen anderen Zustand, um vielleicht neue Wahrheiten zu entdecken. Die jüngsten Arbeiten von Natalia LL, die in Linz gezeigt werden, spiegeln ihr Interesse an nordischer Mythologie: „Transfiguration of Odin“ aus 2009 zeigt ihren Mann als den Gott des Krieges und der Transformation und sie selbst als Brunhilde. Da steckt viel Inszenierung und Theatralik, aber auch Humor drin.

Den eigenen körperlichen Verfall thematisiert die Künstlerin in übermalten und mit verschiedenen Materialien überklebten Selbstporträts wie „Dawn Tragedy (1988), die in den 1980ern entstanden sind. Bilder, die Gefühle wie Angst spürbar machen.

Von Melanie Wagenhofer

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