Ferien mit Buchfink, Eichhörnchen und „Waldchristl“

Der Wald als Erlebniswelt, Erholungsraum und Energiespender. Am Breitenstein in Kirchschlag bietet die Pädagogin Christine Kaineder „Ferien im Wald“ an. Ein ganz besonderes Gefühl von Freiheit und Naturverbundenheit für die Kinder.

Die Natur bietet allerhand Spielmöglichkeiten — quasi nebenbei lernen die Kinder viel Wissenswertes über die Schätze des Waldes. © Braun

Von Astrid Braun

„Wir sind die Waldkinder, wir sind alle da!“ Im Wald beim Hochseilgarten am Breitenstein in Kirchschlag erklingen, begleitet von sanften Gitarrenklängen, Kinderstimmen. Die kleinen Sänger stehen im Kreis um einen mit Tannenzapfen und Naturmaterial dekorierten Baumstumpf und heißen einander willkommen. Sie stimmen sich auf wertvolle Stunden in der Natur ein. Begleitet wird die Gruppe von Christine Kaineder.

Die 59-Jährige war 30 Jahre im Kindergarten tätig, zuletzt als Leiterin in Kirchschlag — bis sie sich für eine Auszeit entschied. „Ich machte eine Ausbildung zur Waldpädagogin in Gmunden. Das tun viele Förster, um Führungen anbieten zu können“, erzählt die Mutter dreier erwachsener Kinder und stolze Oma von sechs Enkeln. Bald entschied sich die Pädagogin aus Kirchschlag für die Selbstständigkeit. „Ich wollte mehr auf meine Gesundheit achten und habe mich gefragt, was ich am liebsten mache. Ich habe die Arbeit mit den Kindern geliebt und den Wald.“ Ihre Firma heißt „Kinder im Wald“, das Angebot ist umfangreich und findet großen Anklang. Es gibt Waldspielgruppen, Projektwochen in Schulen oder Kindergärten, Kindergeburtstage, Seminare für Erwachsene und vieles mehr. Besonders beliebt sind die „Ferien im Wald“.

Kinder fühlen sich frei

„Die Kinder haben Ferien und im Wald fühlen sie sich frei. Das ist die natürlichste und erholsamste Umgebung, die es für uns Menschen gibt“, kennt Kaineder die Gründe. Ab 8. Juli finden die „Ferien im Wald“ wochenweise statt. Die Teilnahme für eine Woche kostet 120 Euro für ein Kind. Für Kinder aus Gemeinden, die das Projekt fördern (Kirchschlag, Hellmonsödt, Reichenau, Ottenschlag, Haibach und Zwettl) ist das Angebot günstiger. „Es ist für Kinder von vier bis zehn Jahren, aber ich habe auch ältere dabei. Die Kinder werden in der Früh gebracht und nach sechs Stunden wieder abgeholt. Es ist quasi wie ein Hort“, erklärt die „Waldchristl“, wie sie meist genannt wird.

Die Pädagogin und ihr Team bieten auch eine Woche über den Familienbund in Katsdorf (Reiser) an (22. bis 26. Juli). In Kirchschlag finden die Treffen am öffentlichen Waldspielplatz der Gemeinde statt. „Manchmal gehen wir auf den Breitenstein-Gipfel oder den ,Wasserwichtelweg’. Auch eine Kräuterpädagogin ist immer wieder zu Gast. Die Kinder können an den Angeboten teilnehmen, wenn sie möchten, oder frei spielen. Das freie Spiel ist sehr wichtig. Oft legen sich die Kinder in die Hängematten“, so Kaineder.

Besonders gut kommt das Holzlabyrinth an. Holzzelte werden konstruiert, Naturbücher auf der Picknickdecke angeschaut, balanciert und geturnt oder verstecken gespielt. Begeistert sind die Kinder dabei, wenn die Naturversion der Fernsehshow „Eins, zwei oder drei“ ansteht. Drei Bäume stehen für drei Lösungen. Die Handpuppe „Fuchs“ zieht eine Mäuse-Frage aus der „Mäuschenschachtel“ und schon rennen die kleinen Racker los. „Und ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn der Fuchs hingeht“, ruft die „Waldoma“. Die Jubelrufe sind groß!

Ebenfalls begehrt: Bunte Duftsackerl von den Kindern selbst befüllt mit Kräutern, Blumen und Blättern. „Die könnt ihr mit nach Hause nehmen. Walddüfte sind beruhigend. Wenn ihr nachts nicht schlafen könnt, könnt ihr daran riechen. Dann werdet ihr gut schlafen“, weiß die Kaineder. Ebereschenblatt, Gänseblümchen, Rotklee, Scharfgarbe (Kaineder: „Die braucht man, wenn man Bauchweh hat.“), Glockenblume, Löwenzahn, Salbei und Thymian verströmen ihre Gerüche. Die Kinder fühlen, riechen, schmecken und sammeln freudig. Dazu gibt’s Tipps. „Der Breitwegerich ist unser Wiesenpflaster mit der Medizin in den Blattadern“, lässt Kaineder die Kinder wissen.

Dann zeigt sie, wie die Brennnessel gepflückt und sogar verspeist werden kann, ohne zu brennen. Ein Kind entdeckt den Hahnenfuß: „Den lassen wir stehen, der ist giftig. Allein dürft ihr nicht durch den Wald gehen und Blätter essen, denn es gibt auch Giftiges“, erklärt die Pädagogin. Ihre weiteren Regeln: Waldschätze bleiben im Wald. Eigener Mist wird wieder mitgenommen. Das Spielen ist innerhalb der mit roten Bändern gekennzeichneten Grenzen erlaubt. Und wenn ihre Mundharmonika erklingt, kommen alle Kinder zu ihr. Das funktioniert prima, denn die Kinder wissen genau, jetzt wartet das nächste spannende Erlebnis.

Achtsamkeit

Vieles geschieht ungeplant: Der Buchfink, der ein Liedchen trällert, oder das Eichhörnchen, das die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zieht. „Beim Spielen vergisst man alles“, ruft ein Kind. „Ich möchte mit der Mama jeden Tag nach dem Mittagessen hierher gehen“, verkündet ein anderes. Auch die Jause im „Spielstadl“, wie Kaineder die überdachte Fläche mit kleinen Sitzgelegenheiten nennt, schmeckt, genau wie die von der „Waldoma“ mitgebrachte Blumen-Kinderbowle.

Am Schluss wird wieder gemeinsam musiziert. Zuvor gesammelte Holzstöckchen werden zu Klangstäben und es wird der Erde, der Sonne, dem Wald, den Freunden und sich selbst gedankt. Jedes Kind darf sagen, was ihm besonders gut gefallen hat. „Die Achtsamkeit ist mir wichtig“, erklärt Kaineder.

Grüntöne wirken erholsam

Sie selbst ist schon als Kind mit ihren neun Geschwistern am liebsten draußen unterwegs gewesen. „Wir haben am Waldrand gespielt“, erinnert sich die gebürtige Hellmonsödterin. Auch mit ihren Kindergartengruppen war sie oft im Wald. „Mehrmals im Jahr haben wir uns für eine Woche im Wald getroffen, damit die Kinder die Jahreszeiten hautnah erleben konnten“, so die Pädagogin.

Sie betont: „Der Wald ist mein Lebenselixier und Energiespender. Wenn ich vor den Stunden mit den Kindern herkomme, lege ich mich immer fünf Minuten in die Hängematte, schaue und horche nur. Es gibt hier so viel zu entdecken. Und ich sehe das auch an den Kindern. Sie sind bereichert, nach dem gemeinsamen Aufenthalt im Wald. Allein die vielen Grüntöne sind schon erholsam.“

Von Ostern bis Ende August ist Christine Kaineder fast täglich mit Kindern im Wald unterwegs. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass ihr Lebensprojekt weitergelebt wird und Früchte trägt.

Infos: www.kinderimwald.at

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