Festspiele: Kräftiger Applaus nach langem „Hunger“

Mit sechsminütigem Applaus und Bravos für das Ensemble, aber auch mit vereinzelten Buhrufen für Regisseur Frank Castorf ist am Sonntagfrüh die Premiere der Hamsun-Dramatisierung „Hunger“ auf der Halleiner Perner-Insel zu Ende gegangen. Wie häufig bei Castorf wurde es auch ein Kräftemessen mit dem zur Pause dezimierten Publikum: Statt der angekündigten viereinhalb Stunden wurden es 5:45 Stunden.

Zu eine Art Teufelsaustreibung gestaltete sich die zweite Schauspiel-Neuproduktion der diesjährigen Salzburger Festspiele. Deutlich weniger als die Romane „Hunger“ und „Mysterien“ interessierte Castorf die Auseinandersetzung mit dem NS-Gefolgsmann und Hitler-Bewunderer Knut Hamsun (1859-1952). Der Erkenntnisgewinn blieb dennoch gering.

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Der drehbaren Kulissenlandschaft aus Holzhäusern und Hinterhöfen, Baracken, Geschäften und Dachkammern, die Aleksandar Denic in die weitläufige ehemalige Salinenhalle gestellt hat, haftet diesmal etwas Western-Style-artiges an. Doch statt eines Saloons wartet ein McDonald’s-Schnellimbiss auf das durstige und hungrige Ensemble von „Hunger“. Fleischlaibchen werden gebraten, Würstchen gereicht, Hamburger garniert und Coladosen geöffnet. Wer hier Pot-au-feu und Bœuf Stroganoff bestellen möchte, wird angeknurrt und muss später rüber in die „Blaue Gans“. Es ist nicht der einzige Regie-Gag, der sich über die Grundsituation des 1890 erschienenen Romans, in dem der über bloß unregelmäßiges Einkommen als Feuilletonist verfügende Protagonist ob des ständigen Hungers buchstäblich in den Wahnsinn getrieben wird, lustig macht.

Chefkoch Frank Castorf selbst hingegen verlässt sich auf sein altbewährtes Rezept, verquirlt die neuen Zutaten mit alten Ingredienzien wie Brüll-Lautstärke und Live-Video bis zur Unkenntlichkeit, bringt sie mit hoher Energiezufuhr zum Überkochen, garniert sie mit ein paar gefälligen optischen und ideologischen Anreizen und serviert sie brennheiß. Innerhalb der fünf Stunden 45 Minuten dauernden Menüfolge, der nach der Pause deutlich weniger Premierenbesucher folgen wollten, kühlt das Aufgekochte allerdings deutlich ab und schmeckt rund um Mitternacht nur mehr lau und schal. Castorf-Produktionen sind immer auch ein Kräftemessen mit dem Publikum und dem Theaterbetrieb: Wer hält länger durch?

Protagonisten des alten Volksbühne-Ensembles fühlen sich in so einem Ambiente naturgemäß wie zu Hause. Tatsächlich ist es immer wieder eine Freude zuzusehen, wenn Marc Hosemann den Wahnsinnigen mimt, der seinen eigenen Finger abzunagen beginnt, Lilith Stangenberg sich hingebungsvoll um eine verlorene Seele kümmert, Josef Ostendorf und Daniel Zillmann jeden Mini-Monolog zur großen Arie gestalten, Lars Rudolph schiere Bühnenpräsenz gegen allseitige Hysterie setzt und ansonsten einfach Trompete bläst, Kathrin Angerer und Sophie Rois im Duett Hochenergie-Theater machen, bei dem auch das Telefonbuch zum Thriller würde, und der blutjunge Castorf-Sohn Rocco Mylord als geheimnisvoller „Mysterien“-Protagonist in Video-Großaufnahme verzweifelt versucht, unter all den Vollprofis sein Gesicht nicht zu verlieren. Zu einem schlüssigen Ganzen fügt es sich nicht.

Was „Hunger“ zum Literatur-Langzeit-Erfolg verholfen hat, bleibt im Dunkeln. Zu sehr gleicht der „stream of conciousness“, den der spätere Nobelpreisträger hier in die Literatur eingeführt hat, Castorfs eigener Assoziativ-Arbeit, die Material um Material nebeneinanderschichtet, bis aus der programmatischen Überforderung Neues entsteht. Wo hört der Daseinskampf des Verzweifelten auf und wo beginnen seine Halluzinationen? In der Zelle, die dem Obdachlosen zur Verfügung gestellt wird, wechselt die Bühnenhandlung plötzlich die Spur und lauter Träger gelber Anzüge, Signal für Erfolg und Nonkonformismus des in „Mysterien“ triumphal Zurückkehrenden, bevölkern das Bühnengeschehen. Bis zum bitteren Ende wird Castorf die beiden Romane immer wieder parallel führen, und wer sie nicht gelesen hat, dem bleiben sie ein Rätsel.

Voller Bilderrätsel ist auch die Bühne. Manchmal sind sie leicht zu dechiffrieren, manchmal bleibt die Lösung offen. Klar ist: In diesem Gespensterhaus wohnen die Geister einer düsteren Vergangenheit. Der lange Abend beginnt gleich mit erregten „Swastika! Swastika!“-Rufen und weist darauf hin, dass offenbar in Nordeuropa unter dem Hakenkreuz auch Bier gebraut und Schokolade hergestellt wurde. Die gemeinsame historische Aufgabe der nordischen Rasse wird vielfach, in Plakaten, Logos bis hin zu SS-Runen und Werbesujets für den norwegischen NS-Vasallen Vidkun Quisling beschworen. Noch auf der McDonald’s -Bude prangt weithin sichtbar die Hausnummer 88, in rechten Kreisen ein versteckter Code für „Heil Hitler“, und hier natürlich auch auf „Hamsuns Hunger“ passend. Ob es aber die dem Hakenkreuz nachempfundene Kenzo-Werbung tatsächlich gibt? Und wie sich das mit „Mc Africa“ verhält, der kurz auf einem Plakat auftaucht, sind kleine Denksportaufgaben für Zwischendurch, wenn es etwa im Dialog zwischen „Würstchen“ und „Pommes“ streckenweise wieder arg banal wird.

Und so hinterlässt dieser „Hunger“ paradoxerweise ein Leere- wie ein Völlegefühl gleichermaßen: Man fühlt sich abgefüllt mit viel heißer Luft ohne Nährwert. Dennoch gaben sich nicht wenige Premierenbesucher am Ende satt und zufrieden: Kräftiger Applaus für das Ensemble, nur vereinzelte Buhs für den Regisseur.