Festspielredner Ilija Trojanow gegen „partielle Blindheit“

Festspielredner Ilija Trojanow © APA/APA / Salzburger Festspiele/Thomas Dorn

Der Autor Ilija Trojanow (56) wird am 26. Juli in der Felsenreitschule die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele halten. Warum seine Rede den Titel „Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens“ trägt und welche Themen er in welcher Tonalität ansprechen wird, verriet er im APA-Gespräch: „Der Unterschied zwischen Salzburg und Moskau ist, dass in Salzburg die Reichen und Mächtigen, die im Publikum sitzen, sich Unangenehmes anhören müssen. Es ist ihnen zumutbar.“

APA: Herr Trojanow, was werden Sie den Gästen der Eröffnung der Salzburger Festspiele erzählen?

Ilija Trojanow: Nachdenkliches und Provokantes. Dem Titel „Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens“ kann man ja entnehmen, dass es um das Verhältnis zwischen Kunst und Macht gehen wird. Um die Frage, was der Krieg für Folgen hat neben den offensichtlichen, neben Gewalt und Mord. Wie die eintönige Sprache des Krieges unser Denken und Reden verändert und wieso es wichtig ist, als Gesellschaft Frieden tatsächlich zu schaffen, anstatt ihn gemütlich als Abwesenheit von Krieg zu konsumieren. Wir müssten meines Erachtens größere Anstrengungen unternehmen, um lauernde Aspekte des Kriegerischen zu tilgen, um die Schatten und Spätfolgen des kriegerischen Denkens zu bekämpfen. Wir sind noch nicht friedenstauglich genug.

APA: Unter Verdrängung der Balkankriege heißt es immer wieder, Mitteleuropa habe die längste Friedens- und Wohlstandsperiode hinter sich. Haben wir aus Bequemlichkeit verlernt, den Frieden zu schätzen und zu bewahren?

Trojanow: Wir haben es erst gar nicht gelernt. In jedem österreichischen Städtchen gibt es Denkmäler für die heldenhaften Helden, aber meines Wissens ist nur ein einziges den Deserteuren gewidmet – und das nach vielen Jahren und unglaublichen Konflikten. Wir vermerken überall in Europa eine Zunahme an nationalistischen Haltungen. Unlängst habe ich entdeckt, welcher Slogan die Kampagne benutzte, mit der im Vereinigten Königreich der EU-Beitritt beworben wurde: „Nationalism kills“. Wie sehr muss die englische Gesellschaft das vergessen haben, dass es einige Jahrzehnte später zum Brexit kommt? Egal, wie man zur EU steht, muss man wohl zugeben, dass es ein essenzieller Fortschritt war, dass wir von einer Betonung der Unterschiede zu einer Wahrnehmung der Gemeinsamkeiten vorgedrungen sind. Da müssten wir noch viel weiter kommen. Wir sind als Gesellschaft nicht ausreichend dafür sensibilisiert, dass zum Beispiel bestimmte Formen der Selbsterhöhung auf Kosten anderer Vorläufer von Gewalt sind. „Wir gegen die anderen“ ist eine Kategorie, die dafür verantwortlich ist – überhaupt dieses hässliche Wort „gegen“…

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APA: Seit Februar gibt es allerdings eine Situation, in der von einem Aggressor anderen Gewalt aufgezwungen wird. Wie geht man aber damit um? Wo lässt man in so einer Situation seinen Pazifismus?

Trojanow: Ich würde behaupten, dass diese Frage an sich schon eine Folge der kriegerischen Verengung ist. Auch inmitten eines Krieges kann man fragen: Was sind grundsätzliche Gründe für Kriege? Der Krieg sind monoton und redundant. Zivilisten werden ermordet, Häuser werden geplündert, Frauen vergewaltigt – wie jetzt wieder in der Ukraine. Es gibt keinen Grund, darüber erstaunt zu sein. Kriege sind die unentrinnbare Folge bestimmter gesellschaftlicher Bedingungen, bestimmter Formen von Nationalismus und Imperialismus, bestimmter Überzeugungen, dass man mit Gewalt Probleme lösen kann. Wir reden jetzt viel von Kriegsverbrechen und zu wenig davon, dass der Krieg an sich ein Verbrechen ist. Ich glaube hingegen nicht, dass es Aufgabe der Künstler und Intellektuellen ist, Analysen über Waffenarten abzugeben und Empfehlungen über Flugverbotszonen.

APA: Welche Aufgaben haben sie?

Trojanow: Unsere Aufgabe ist es, die grundsätzlichen Vorbedingungen zu analysieren und die Eintönigkeit des Krieges zu konterkarieren. Kunst, wenn sie gelingt, lässt sich nicht propagandistisch instrumentalisieren. In der Vorbereitung auf die Rede habe ich mir Musikstücke angehört, die explizit einen militärischen Bezug haben. Also etwa die 7. Symphonie von Schostakowitsch, oder die „Hunnenschlacht“ von Liszt. Das Martialische klingt nur kurz an und wird sofort aufgelöst. Der Marsch als starrer Rhythmus wird von Momenten der Stille, der Nachdenklichkeit, der Ambivalenz durchbrochen. Die Kunst ist nicht in der Lage, die primitive Monotonie des Krieges als Inspiration zu nutzen oder ihr zu dienen. Krieg ist einfältig, ein Stümper. Kunst dagegen ist die Befreiung in die Unendlichkeit des Möglichen.

APA: Früher sind allerdings die Soldaten mit Marschmusik in den Krieg gezogen.

Trojanow: Da haben Sie Recht. Das ist aber Gebrauchsmusik. Was ich meine, ist bedeutende Musik. Ich habe mir sogar ein paar Märsche großer Komponisten angehört. Das ist interessant: Es wird zwar im 4/4-Takt begonnen, der wird aber nicht durchgehalten. Plötzlich sind in der Musik Stolpersteine. Im Stechschritt lässt sich dazu nicht marschieren.

APA: Die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele ist wohl keine Rede wie jede andere. Haben Sie gleich gewusst, worüber Sie reden werden?

Trojanow: Markus Hinterhäuser kennt mich, und er kennt mein Werk. Er weiß, dass er von mir eine politisch dezidierte, aber auch poetisch-musikalische Rede bekommt. Er wusste also, worauf er sich einlässt. Er ist ein sehr gebildeter und intelligenter Kurator, der natürlich erkennt, dass wir uns den vielen unangenehmen Fragen, die dieser Krieg aufwirft, stellen müssen. Unsere Gesellschaft zeichnet eine partielle Blindheit aus. Doch die enormen Herausforderungen und Probleme – auch die der Ökologie – können wir nicht ignorieren. Auch die Festspiele können das nicht. Der Unterschied zwischen Salzburg und Moskau ist, dass in Salzburg die Reichen und Mächtigen, die im Publikum sitzen, sich Unangenehmes anhören müssen. Es ist ihnen zumutbar. Wichtig ist zugleich, dass jemand wie ich eine Sprache findet, die dem Künstlerischen adäquat ist und sich nicht von den floskelhaften Sprachwendungen des momentanen Diskurses infizieren lässt. Im Moment haben wir ja teilweise extrem verengte Diskurse. Wenn jemand sagt, wir müssten auch einmal über Verhandlungen nachdenken, ist er gleich ein Apologet Putins. Dabei wissen wir doch alle: Natürlich wird es irgendwann Verhandlungen brauchen. Keine der beiden Seiten wird diesen Krieg gewinnen.

APA: Im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg wurden bei den Festspielen bisher vor allem zwei Aspekte diskutiert: Wie verhält man sich russischen Künstlern und russischen Sponsoren gegenüber?

Trojanow: Zur Sponsorenfrage habe ich eine klare Meinung. Die werden Sie in der Rede hören. Bei den Künstlern ist es, glaube ich, eine Frage der konsequenten Behandlung aller: Wollen wir von Künstlern immer einen ethischen Persilschein fordern? Dann aber von allen. Können Sie sich erinnern, dass US-Künstler:innen gebeten wurden, sich gegen den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg im Irak zu positionieren? Die Frage ist: Reden wir von individueller Verantwortung? Also von jemandem – und da gibt es ja Beispiele -, der tatsächlich zum engsten Kreis um Putin gehört? Jemand, der nach den Verbrechen der Russen in Syrien Konzerte gegeben hat? Dann hätte ich auch Probleme, so jemanden einzuladen. Oder findet so etwas wie Sippenhaftung statt? Das finde ich problematisch. Und völlig inakzeptabel ist, dass man tote Künstler in die Verbannung schicken will. Führen wir keinen Tschaikowski mehr auf, lesen wir keine russischen Autoren mehr! Überlegen Sie sich mal, wie viele Leute wir aus unserem Kanon herauswerfen müssten! Hat Doderer aus heutiger Sicht stets ethisch Unverfängliches von sich gegeben? Doderer raus! Gottfried Benn sowieso! Richard Strauss – geht gar nicht! Und so weiter. Und wenn schon alle in irgendeiner Form mitverantwortlich sind, wieso nur Russen? Was ist mit Österreichern, die von russischen Oligarchen unterstützt wurden? Was ist mit österreichischen Politiker:innen, inklusive Ex-Kanzler und Ex-Ministerin, die sich ins Bett gelegt haben mit einem Regime, dessen Gewalttätigkeit ja außer Streit stand. Von ihnen müsste man ebenso ein öffentliches „mea culpa“ verlangen.

APA: Wir sitzen hier in einem Schanigarten bei weit über 30 Grad Lufttemperatur. Wie geht es Ihnen damit, dass immer etwas anderes zu tun ist, ob Corona und Krieg, und daher dringend notwendige Maßnahmen gegen die Klimakrise nie volle Priorität haben?

Trojanow: Die Tatsache, dass wir weiterhin Raubbau und Zerstörung an der Natur betreiben, ist eine Form des Krieges. Das kann man sehr leicht an der Sahel-Zone aufzeigen, die fast ein einziges Bürgerkriegsgebiet ist. Wir wissen, dass auch viele Jahre der Dürre mitverantwortlich für den Ausbruch des Kriegs in Syrien waren. Wir wissen, dass es eine kausale Verbindung gibt zwischen Klimawandel, ökologischen Folgen und gewalttätigen Konflikten. Wir müssen diese Zusammenhänge erkennen und aktiv Frieden schaffen. Das bedeutet auch, uns zu verabschieden von diesen Formen der Ausbeutung und der Zerstörung. Wieso tun wir immer wieder erstaunt, dass Konflikte ausbrechen? Wir wissen, wie Konflikte entstehen, was die ideologischen Voraussetzungen und die ökonomisch-soziologischen Zwänge sind, die dazu führen – und tun in Friedenszeiten viel zu wenig, um sie zu bekämpfen.

APA: Gibt es eine Möglichkeit, dennoch halbwegs optimistisch in die Zukunft zu schauen?

Trojanow: Welchen Zeithorizont haben Sie? Mittel- bis langfristig ja, weil ich glaube, dass wir keine andere Wahl haben. Ich bin völlig überzeugt, dass zumindest die jüngeren Menschen ein Ende unserer Wirtschaftsweise erleben werden. Kurzfristig eher nicht, denn wir leben in einer Gesellschaft der Bequemlichkeit und der konsumatorischen Passivität, was das Erkennen der Probleme und das politische Handeln verhindert. Bis das überwunden werden kann, wird es noch schlimmer werden. Leider. Ich beschäftige mich seit Jahren mit diesen Fragen, da ich an einem utopischen Roman arbeite. Veränderung und Verwandlung erwächst ja oft aus der Krise. Der Mensch braucht offenbar manchmal einen Schock. Er muss mit dem Kopf gegen die Wand knallen, um zu begreifen, dass man nicht mit dem Kopf durch die Wand kann.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren. 1971 bekam seine Familie Asyl in Deutschland. Er wuchs in Nairobi auf und studierte in München. Als Autor, Übersetzer und Publizist lebte Ilija Trojanow von 1998 bis 2003 in Bombay, von 2003 bis 2006 in Kapstadt. Seit 2008 ist er in Wien und Stuttgart zu Hause. Als Autor und Proponent der Zivilgesellschaft greift er immer wieder heiße Themen auf, von der Migration bis zum Überwachungsstaat. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ (1996), „Der Weltensammler“ (2006), „EisTau“ (2011) und „Macht und Widerstand“ (2015).

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