Festwochen: Mit „Joy 2022“ sexuelle Vielfalt feiern

Das heutige Verständnis von Sexualität steht im Zentrum von „Joy 2022“ © APA/Wiener Festwochen/Judith Buss

Rund 60 Jahre ist es her, dass eine sexuelle Revolution die Gesellschaft aufrüttelte. Wie es heute um das Verständnis von Sexualitäten und deren Vielfalt bestellt ist, versucht der belgische Choreograf Michiel Vandevelde mit „Joy 2022“ zu ergründen. Die Uraufführung des bunten Straußes aus Tanz, Text und viel nackter Haut bot am Samstag im Rahmen der Wiener Festwochen im Volkstheater wenig Überraschendes, punktete aber mit so mancher Skurrilität.

Vandevelde ließ sich für „Joy 2022“ von Carolee Schneemanns Performance „Meat Joy“ aus dem Jahr 1964 inspirieren. Das Stück wurde damals in den USA zum Skandal, setzte Schneemann für ihren „erotischen Ritus“ doch auf das Spiel leicht bekleideter, sich wild aneinanderreibender Darstellerinnen und Darsteller unter Zuhilfenahme von u.a. rohem Fleisch. Einen ähnlich nonkonformistischen Blick auf die Sexualität wollte der Belgier nun selbst werfen, was aber keineswegs skandalös ausfiel – und es wohl auch nicht sollte.

In neun Akten zelebrierten die insgesamt zehn Performerinnen und Performer – teils Ensemblemitglieder der Münchner Kammerspiele und teils Akteurinnen und Akteure der Sexpositivity-Szene – verschiedene Standpunkte zur Sexualität. Das fiel mal sinnlich und ruhig aus, wenn etwa eine Frau im Rollstuhl mit einem Partner demonstriert, dass sie unter Einsatz von etwas Kreativität keineswegs vom Sexleben ausgeschlossen ist.

Dann skurril, wenn ein älterer Herr mit Hörnern lustvoll seinen nackten Körper erkundet, um sich schließlich einen Buttplug einzuführen und samt daran angehängtem Tierschweif über die Bühne zu tanzen. Für Lacher sorgte wiederum eine brillant solo vorgetragene „Sonata Erotica“. Mal haucht, mal stöhnt, mal schreit sich eine der Performerinnen durch dieses Stück zum Höhepunkt, nicht ohne auf das Umblättern des Notenblatts, bedeutungsschwangere Blicke ins Publikum und das anschließende Wasserlassen zu vergessen.

Am heftigsten und zugleich gelungensten fiel aber der Einstieg aus, der das Publikum in eine Clubatmosphäre eintauchen ließ. Zu dröhnenden Bässen und Stroboskopeffekten entfaltete sich auf der Bühne wie auch im Zuschauerraum eine ekstatische Party, bei der Frischhaltefolie, Seile und zuckende Körper ihren Einsatz fanden. Vandevelde selbst garnierte das Geschehen, indem er mit seinem Handy Nahaufnahmen anfertigte, die für das Publikum simultan auf einer großen Leinwand zu sehen waren. Assoziationen zum Amateurporno, aber auch Horrorfilm drängten sich förmlich auf.

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Das Prinzip Haut auf Haut war mit der Hälfte des Stücks jedoch trotz einer überschaubaren Dauer von ca. 80 Minuten durchgekaut. Da half auch nicht mehr, dass sukzessive weitere Kleidungsstücke ihren Weg auf den Boden fanden und im Gegenzug, wie es kommen muss, bunte Farben die nackten Leiber zierten. Fest steht nach diesem Abend dennoch: Sexuelle Lust kommt in vielen Ausprägungen, basiert im Kern aber auf Gemeinsamkeiten. Sich dessen zu vergewissern, ist nicht verkehrt. Dass es am Tag des Höhepunkts der Vienna Pride stattfand, umso stimmiger. Das Publikum spendete herzlichen Applaus.

„Joy 2022“ von Michiel Vandevelde im Rahmen der Wiener Festwochen im Volkstheater. Deutsch und Englisch mit deutschen und englischen Übertiteln. Mit Theresa „BiMän“ Bittermann, Maia Ceres, Konstantin Kloppe, Jelena Kuljic, Klaus Lengefeld, Kamill Lippa, Lotta Ökmen, Edith Saldanha, Michiel Vandevelde, Lucy Wilke, Dramaturgie: Mehdi Moradpour, Kostüme: Lila & John. Weitere Aufführung am 12. Juni um 20 Uhr. Infos und Tickets unter festwochen.at

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