„Fidelio“, komplex gespiegelt

Erica Eloff und Marco Jentzsch
Erica Eloff und Marco Jentzsch © Herwig Prammer

Die neue Saison des Musiktheaters Linz steht unter dem Motto „Freiheit“. Was liegt näher, als sie mit der „Freiheitsoper“ schlechthin, Beethovens „Fidelio“, einzuläuten? Aber „Fidelio“ allein scheint nicht zu genügen.

Die Saisonpremiere am Samstag verknüpft ihn mit dem zeitgenössischen Werk „Twice through the heart“ des Briten Anthony Turnage in einer Art Spiegelung.

Beethovens Werk relativiert

So wie die Corona-Pandemie und deren Bekämpfung der Idee von „Freiheit“ viele Fragezeichen entgegensetzen, relativieren Hermann Schneider (Regie) und Falko Herold (Ausstattung) die Aussage von Beethovens Werk durch eine zwischen Gegenläufigkeit und Verdoppelung komplex schwankende Inszenierungsidee.

Die als Mann verkleidete Leonore befreit aus Liebe und Loyalität ihren Mann Florestan aus Haft und Folter; ihr Pendant, eine anonyme „Gattenmörderin“, geht aus Loyalität gegenüber ihrem Ehemann, einem folternden Quälgeist, de facto freiwillig ins gleiche Gefängnis und reflektiert hochemotional ihre Situation. Alles spielt sich in einem von Grundwasser bedeckten, düsteren Kerker ab; das Wasser spiegelt Figuren und Vorgänge; die „erlösende“ Befreiungsfeier Florestans, während der sein Gegenspieler ohne Prozess seinen eigenen Schergen zum Opfer fällt, wird von erdrückender Schwere relativiert, ja karikiert. So soll sich wohl auch das Publikum in dieser inmitten Tod und Verzweiflung feiernden Partygesellschaft selbstkritisch wiederfinden.

Im Gegensatz zur symbolistisch überfrachteten Inszenierung spricht die Musik in beiden Seiten der Medaille eine klare Sprache. Markus Poschner dirigiert sorgsam und differenziert. Gemeinsam mit dem bestens disponierten Bruckner Orchester erweckt er Beethovens Musik in vielen dynamischen und agogischen Details zu tief berührendem Leben. Genauso schafft er es, die dichten Aussagen von Turnages Werk herauszuarbeiten.

Stimmlich und darstellerisch wird die Aufführung von drei Personen geprägt: Eindrucksvoll lebt die Hauptfigur Fidelio/Leonore durch den hellen, wandlungsfähigen Sopran Erica Eloffs und ihr intensives Spiel; Katherine Lerner bestätigt als gepeinigte Mörderin erneut ihre Ausstrahlung, weiß die inneren Konflikte ihrer Solo-Rolle glaubhaft zu vermitteln. Dominik Nekel beherrscht als Kerkermeister Rocco figürlich, stimmlich und textdeutlich die Bühne.

Bei Marco Jentzsch passt wohl die Stimme, weniger aber die äußere Erscheinung zum gequälten Florestan; seinem diabolischen Gegenspieler Pizarro kann Adam Kim nur wenig gewichtige Konturen verleihen. Fenja Lucas glänzt als Marzelline, Martin Achrainer bleibt als Don Fernando blass.

Chor und Extrachor meistern ihre Aufgaben ausgezeichnet, sehr gut einstudiert von Elena Pierini und Martin Zeller. Das Ende schwankt dann wie die Inszenierung: Der Vorhang fällt, es bleibt minutenlang dunkel; unschlüssiger Applaus, schließlich Jubel für die Protagonisten, Poschner, das Orchester und, vermischt mit zarten Buhs, für das Inszenierungsteam.

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