Fieser Lump, göttliches Kind

Premiere: Linzer Landestheater spielt Peter Shaffers „Amadeus“

Miau! Quiek! Das Liebeslocken der Mozarts (Daniel Klausner, Lorena Emmi Mayer) überfordert den sonst eh auch nicht zimperlichen Salieri (li. Christian Higer).
Miau! Quiek! Das Liebeslocken der Mozarts (Daniel Klausner, Lorena Emmi Mayer) überfordert den sonst eh auch nicht zimperlichen Salieri (li. Christian Higer). © Petra Moser

Wie ein Baby platziert Constanze am Ende den sterbenskranken Mozart auf ihrem Schoß und tröstet ihn. Schwermütige Spiegelung jener Legende, wonach das Wunderkind Wolferl der Regentin Maria Theresia auf den Schoß sprang und sie links und rechts abbusselte.

Spiegel finden sich mehrfach in diesem „Amadeus“. Der für Bühne und Kostüme zuständige Ezio Toffolutti serviert zwar optisch einen knusprigen Historienschinken, aber die aufgeblasenen Egos sind zeitlos und als gegenwärtig erkennbar. Zuvorderst der gerissene Antonio Salieri, weniger eine mephistophelische Gestalt als gewöhnlicher fieser Lump, wie ihn die Weltgeschichte schon in zahlreichen Wiederholungen erlebt hat.

Stört der „kleine“ Schönheitsfehler, dass der Dramatiker Peter Shaffer (verstorben 2016) den guten Signore Salieri historisch arg verzerrt hat? Nein! Die Story vom Karrieristen und seinem Hass auf den unendlich Begabten ist zu gut, und Milos Formans fabelhafte Verfilmung des Stoffes wäre der Menschheit ebenfalls entgangen.

Premiere des „Amadeus“ in der Regie von Markus Völlenklee war am Donnerstag im Linzer Landestheater. Eine Rückkehr nach der Corona-Pause, Einlass nur mit Nachweis eines der „3 G“, im Saal Fächeln nicht erlaubt (Aerosole!). Intendant Hermann Schneider dankte wieder zu Beginn dem Publikum, in dem er auch Landeshauptmann Thomas Stelzer begrüßte. Politik, die „Verbundenheit“ mit der Kultur zeige, so der Theaterchef.

„Obszöner“ Götterknabe

Auf der Bühne entspinnt sich das Drama zwischen dem Götterknaben und seinem Mörder (noch einmal: unkorrekt!). Öffentliche Beichte des alten Salieri im hölzernen Rollstuhl-Gestell. Wie er als Hofkomponist einen Willkommensmarsch für Mozart komponierte, den das Genie „jazzig“ zur strahlenden Melodie improvisierte und später für den „Figaro“ verwendete. Im Ohrensessel lauscht Salieri den frischverliebten Mozart („miau!“) und Constanze („quiek!“), krümmt sich entsetzt und zieht die Knie bis ans Kinn. Dieses „obszöne Kind“ der Schöpfer überirdischer Schönheit?

Salieri wird das Kind vernichten, hilfreich sind Speichellecker wie Karl und Friedrich (Alexander Hetterle und Benedikt Steiner), die ihn spaßig-untertänig umgarnen.

Knorrige Herren wie der gräfliche Horst Heiss stehen für sture Macht des Hofs, an der auch der liberale Kaiser Joseph zwo (Jan Nikolaus Cerha) abprallen sollte. Die Damen haben adrett zu sein, einzig Mozarts Ehefrau Constanze (gefühlvoll und widerständig, starke Präsenz: Lorena Emmi Mayer) wagt den Kampf mit dem übermächtigen Rivalen ihres Mannes.

Wie ein Räderwerk funktioniert das gesamte Ensemble, rasant und präzise. Daniel Klausner ein Bruder im Geiste des Film-Amadeus Tom Hulce, ein hinreißend schamloser, witziger, liebenswerter und genial-kindlicher Mozart. Christian Higer als Salieri lauernd und rastloser Geist. Eine tragische Figur auch, die ihre eigene Mittelmäßigkeit im Spiegel des Begnadeten erkennt.

Zwei Stunden größte Theaterlust, die sich noch mächtigeren Beifall verdient hätten. Aber so viele Leute dürfen nicht ins Haus. Kackvirus, hätte der Wolferl gesagt. – Bis 10. Juli

Von Christian Pichler

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