Firmenpleiten durch Coronahilfen gebremst, Welle kommt erst

Obwohl Österreichs Wirtschaft wegen der Coronapandemie in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg steckt, ist die Anzahl der Firmenpleiten mit rund 3.000 heuer so niedrig wie vor drei Jahrzehnten. Was auf den ersten Blick wie eine gute Nachricht aussieht, könnte noch zum Boomerang werden, warnt der Kreditschutzverband KSV1870 – denn mit Staatshilfen künstlich am Leben erhaltene Firmen könnten durch Dumpingpreise auch bisher gesunde Unternehmen in den Abgrund reißen.

Neun Monate nach dem ersten Lockdown könne man sagen, „dass sich die Eigenverantwortung in Österreich zu einem Eigentor entwickelt hat“, sagte KSV-Chef Ricardo-Jose Vybiral am Mittwoch bei der Präsentation der aktuellen Pleitenstatistik. „Jeder weitere Lockdown unterbricht die Erholung der Wirtschaft.“

„Die aktuellen Insolvenzzahlen spiegeln nicht die wirtschaftliche Realität wider“, denn die sehe nicht so erfreulich aus. „Positiv ist aber zu erwähnen, dass das Glas der österreichischen Wirtschaft halb voll und nicht halb leer ist.“ Laut einer Ende November und Anfang Dezember durchgeführten Umfrage gehe mehr als die Hälfte der 600 befragten Betriebe von einer wirtschaftlichen Erholung im kommenden Jahr aus, wobei 27 Prozent diese Erholung erst ab dem dritten Quartal 2021 erwarten und weitere 27 Prozent mit einer Entspannung erst ab 2022 rechnen. Das größte Gift für die Wirtschaftsentwicklung sei die anhaltende Unsicherheit, weil dadurch die Investitionen gebremst würden.

Die Firmenpleiten sind laut KSV heuer wegen der Hilfsmaßnahmen der Regierung gegenüber dem Vorjahr um knapp 40 Prozent auf gut 3.000 zurückgegangen, wobei die Anzahl der betroffenen Arbeitnehmer mit 16.300 nur um 5,2 Prozent niedriger war. Die geschätzten Insolvenzverbindlichkeiten waren hingegen mit knapp 3 Mrd. Euro um fast drei Viertel höher als im vergangenen Jahr – allerdings ist darin auch die Pleite der burgenländischen Commerzialbank enthalten, die allein 800 Mio. Euro ausmacht.

Die Staatshilfen für Unternehmen waren zunächst richtig und wichtig, sagt der Leiter der KSV1870 Insolvenz, Karl-Heinz Götze, der Anfang Juni den langjährigen KSV-Insolvenzexperten Hans-Georg Kantner abgelöst hat. Durch die Verlängerung der Insolvenzmeldepflicht von 60 auf 120 Tage, Kurzarbeit, den Härtefallfonds, Besicherung von Krediten mit Bundesgarantien, Fixkostenzuschuss, steuerliche Erleichterungen und Stundungen von Abgaben bis Ende März 2021 und danach Ratenzahlungen auf bis zu drei Jahre seien viele Pleiten verhindert worden.

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Nun müsse man aber vom Gießkannen-Prinzip abweichen und die Staatshilfen viel gezielter einsetzen und nur jenen Unternehmen zukommen lassen, die nicht schon vor der Krise nicht mehr lebensfähig waren. „Für eine gesunde Volkswirtschaft ist es wichtig, dass das Insolvenzrecht regelkonform zum Einsatz kommen kann“, so Götze. Beim Rückgang der Pleiten handelt es sich nach Ansicht der Gläubigerschützer um eine „dramatische Insolvenzverschleppung“, daher rechnet der KSV ab dem zweiten Quartal 2021 mit einem konstanten Anstieg der Insolvenzen um 20 bis 25 Prozent verglichen mit 2019 – unter der Annahmen, dass die Regierung keine weiteren Hilfsmaßnahmen ergreift.

„Wenn die Unterstützung der Regierung nicht mehr gegeben ist, dann werden diese Firmen Insolvenzen anmelden“, so Götze. „Das Problem ist aber, dass diese Firmen keine Chance mehr aus Sanierung haben, weil kein Vermögen mehr da ist.“ Diese Unternehmen würden dann geschlossen und die Arbeitsplätze vernichtet. „Wir plädieren dafür, dass die Unternehmen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.“ Wenn sie sehen, dass sie ihrer Liquidität nicht sichern können, dann sollten sie selbst rechtzeitig Insolvenz anmelden und die Sanierung angehen. „Rund 30 Prozent der Insolvenzen in Österreich führen in eine erfolgreiche Sanierung, in Deutschland sind es nur acht bis neun Prozent.“

Auch die Privatkonkurse waren heuer trotz der Coronakrise rückläufig – das hat aber andere Gründe, erklärte KSV-Chef Ricardo-Jose Vybiral. „Wir beobachten aktuell ein bekanntes Phänomen: In Zeiten, in denen es der Wirtschaft nicht so gut geht, steigen vor allem deshalb die Privatpleiten nicht, weil Konsumenten im Umgang mit ihrem Geld vorsichtiger sind. Mehr private Verschuldung kommt eher in Zeiten vor, in denen es uns besser geht.“ Die eröffneten Schuldenregulierungsverfahren gingen gegenüber dem Vorjahr um 21,6 Prozent auf 7.411 zurück, die geschätzten Insolvenzverbindlichkeiten von Privaten sanken um 18,7 Prozent auf 1,138 Mrd. Euro.

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