Fitness und Panikattacken

Linzer Autorin Margit Schreiner las im Stifterhaus neue Essays

Autorin Margit Schreiner las in Linz. © Stifterhaus/Kluckner

Von Christian Pichler

Wie passt das zusammen? Gar nicht. Burnout, Panikattacken, Depressionen nehmen zu. Zugleich ist Fit-Sein oberste Bürgerspflicht. Margit Schreiner verhandelt den Widerspruch unter „Bipolares“ und gibt mittendrin eine Kostprobe ihrer gnadenlosen — oft auch gnadenlos witzigen — Selbstbeobachtungen: „Natürlich bin ich auf dem Weg, behindert zu werden.“

Das Buch „Sind Sie eigentlich fit genug?“ (Schöffling & Co.) versammelt 19 Essays und Reden der in Linz geborenen Schriftstellerin aus zehn Jahren. Den titelgebenden Text verfasste Schreiner 63-jährig, also vor rund zwei Jahren, die absehbare „Behinderung“ eine des Älter- und Altwerdens. Spitzt die Autorin zu sehr zu, wenn sie eine Parallele sieht zwischen dem „Fitten“ jetzt und dem „Tüchtigen“ in der NS-Zeit?

Schreiner schreibt über die einstige Tötungsanstalt Hartheim und NS-Propaganda, „die nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, dass der ,tüchtige’ — wir würden heute sagen der fitte — Bürger die finanzielle Last der gänzlich unfitten ,Erbkranken’ zu tragen habe, was wiederum dazu führte, dem Volk diese Ausgaben zu ersparen“.

Existenzielles Aufräumen

Mit der mehrfach ausgezeichneten Schreiner (u. a. 2004 Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Literatur) mitdenken ist kompromisslos, „gefährlich“ und ein geistiges Vergnügen. Gelegenheit dazu bot sich am Dienstag im vollen Linzer Stifterhaus. Exemplarisch Schreiners letzter Roman „Kein Platz mehr“ (das VOLKSBLATT rezensierte), der ihr 2018 eine Nominierung für den Österreichischen Buchpreis einbrachte. Grundthema des Romans ist das keineswegs simple Alltagsproblem des Aufräumens, aus dem Schreiner eine kluge, beinahe im Plauderton vorgetragene Betrachtung der menschlichen Existenz entwickelte.

Der Mensch immer auch ein geschichtliches Wesen, in einem anderen Text des Buches erinnert Schreiner an den maßgeblichen Soziologen Norbert Elias. Dieser hatte an den Deutschen konstatiert, dass sie noch immer an den mentalen Folgen des 30-Jährigen Krieges (bis 1648) zu tragen hätten. Traumatisierungen setzen sich über Generationen fort, das weitergereichte Trauma der NS-Zeit benennt Schreiner überraschend. Als junge Frau habe sie gegen den Begriff aufbegehrt, heute sei „die Erbsünde das verständlichste der katholischen Dogmen“.

Der Untertitel des Buchs verheißt „Mehr über Literatur, das Leben und andere Täuschungen“. Sich selbst auf die Spur zu kommen, dieses vornehmste Ziel rückt mit Schreiner näher ins Visier.

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