Flüssiges Gold

An den südwestlichen Ausläufern der Appalachen finden sich die idealen Zutaten für einen der begehrtesten Exportartikel der USA: Kristallklares Wasser, Zuckerahorn, Weisseichen, Mais. Daraus entsteht in traditioneller Handarbeit ein besonderer Aquavit: Der Tennessee Whiskey.

Tullahoma, Tennesse. Die Kleinstadt im Süden des Bundesstaates darf sich als echte Whiskey-Metropole fühlen. In unmittelbarer Nähe befinden sich zwei der berühmtesten Brennerein der USA, die grösste Distillerie der Staaten, Jack Daniel’s in Lynchburg, sowie George Dickel in Cascade Hollow. Und nur wenige weitere Kilometer südlich brennt Phil Prichard in Kelso seine Spirituosen, der Master Distiller kredenzt seiner Kundschaft nicht nur feine Sour Mash Whiskies, auch Rum wird hier in Topqualität erzeugt und abgefüllt. In Haushaltsmengen, gewissermassen, die Kapazitäten von Prichard’s Distillery können mit George und Jack nicht konkurrieren, obgleich Phil seit 2018 eine zweite Brennerei nahe Nashville betreibt.

Ach ja, hier in Tennessee nennen sich die Einheimischen meist beim Vornamen. Das gilt um so mehr für berühmte Landsleute.

Eines ist allen drei Brennereien gemein, sie setzen auf Qualität und Tradition.
Phil setzt dabei gar noch eines drauf, er verarbeitet seine Rohstoffe, ueberwiegend süßen, weissen Mais, nach alter Brenntradition in einem pure pot still, also einer kupfernen Brennblase, und das in echter Handarbeit. Brennen, abfüllen, Etiketten kleben, Flaschen waschen und verpacken, ein sehr überschaubares Team von acht Mitarbeitern sorgt für handverlesene Qualität.

© tennessee.com

Dergestalt entstehen in der einstigen Volksschule von Kelso neben dem Tennessee Sour Mash ein herzhafter Roggenbrand, ein beachtlicher Bourbon sowie ein Single Malt, der stark an europäische Vorbilder erinnert. Den intensiven Geschmack seiner Aquavits erreicht Phil mit einer reduzierten Fassgröße, statt des normalen „Hogshead” mit rund 160 Litern haben Phils Gebinde nur 13 Gallonen (ca. 49 Liter), was die „Kommunikation” zwischen Eichenfass und Destillat und damit den Geschmack deutlich verbessert.

Auch bei George Dickel in Cascade Hollow bei Normandy ticken die Uhren anders. Insgesamt 34 Mitarbeiter beschäftigt Tennessees zweitgrößter Erzeuger, wovon aber nur sechs mit der eigentlichen Produktion des flüssigen Goldes beschäftigt sind, ein „Master Distiller” und fünf Assistenten produzierten hier einst 2,4 Millionen Gallonen Tennessee Whisky in vier Geschmacksvarianten, sprich Reifegraden.

Zeit ist das Zauberwort. Mindestens sechs Jahre verbringen die Destillate bei George in ihren angekohlten Eichenfässern, dann werden sie in Flaschen abgefüllt, beim raren Barrel Select, einem handverlesenen „Dram” (Altenglisch für Schluck) gehen gerne auch mal zwölf Jahre ins Land.

Whisky ist nicht Whiskey

Übrigens, George legte besonderen Wert darauf, seinen Whisky ohne „e” zu schreiben, seine Erzeugnisse seien in ihrer Qualität dem schottischen Vorbild so nahe und wären daher auch so zu buchstabieren, entgegen der üblichen, aus dem Irischen entlehnten Schreibweise „Whiskey”.

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Die Dickel’sche Brennerei wurde 1870 aufgebaut, überstand die Prohibition und den 2. Weltkrieg fast unbeschadet, um 1999 dennoch den Betrieb einzustellen. „Wir hatten jede Menge Whisky in unseren Faessern, doch keine taugliche Abfüllanlage”, plaudert Andrew Whaldon, Geschichtelehrer an der Tullahoma High School und Visitor’s Guide bei George, aus dem Geschichtsbuch. „Die Eigentümerfamilie konnte sich nicht überwinden, eine halbe Million Dollar aufzustellen, das war’s.”

2003 sollte der Weltkonzern Diageo die Schätze aus den Dickel’schen Lagern heben, die Produktion wurde wieder aufgenommen, heute verlassen rund neun Millionen Liter jährlich die Brennerei. Aus sieben Quellen bezog weiland George sein Wasser, Cascade Spring, die größte davon, ist auch heute noch der Hauptlieferant. Per Karbonfilter gereinigt, von Eisen und Schwefel befreit, fließt das Quellwasser in die riesigen Bottiche, wo die saure Maische bereits wartet. Frisch aufgekocht und sodann auf etwa acht Grad Celsius abgekühlt, wird das Rohprodukt durch die Holzkohle von Weissahornbäumen gefiltert. Dieses „Charcoal mellowing” verleiht den Tennessee Whiskies ihren eigentümlichen, weichen Geschmack, George setzte mit der vorherigen Abkühlung noch eines drauf, weil er herausfand, dass im Winter, also „gekühlt” gebrannte Destillate deutlich sanfter und weicher schmecken. Die Rechnung stimmt bis heute.

Sein Nachbar, Jack Daniel, gründete 1866 die heute wohl berühmteste Brennerei der Welt. Das schwarz-weisse Logo “Old No. 7” ist längst nicht nur Whiskey-Freunden ein Begriff (hier wieder mit „E”), der meist verkaufte Aquavit der USA ist eine Ikone.
Spätestens nach etlichen legendär-flüssigen Las-Vegas-Auftritten des „Rat Pack” Dean Martin, Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. in den 60er Jahren, avancierte Jack Daniel’s zur Kultmarke. In Lynchburg wird kein Whiskey verkauft, hier wird ein Lebensgefühl zelebriert. Der gesamte Marktplatz des kleinen Fleckens ist dem flüssigen Gold gewidmet, Souvenirs, Möbel, gebrauchte Whiskey-Fässer, Motorräder, kein Laden kommt an Jack vorbei. Und will das auch gar nicht. Lynchburg lebt mit und vor allem von Jack Daniel’s. Was Wunder. Es gibt wohl nur einen gebürtigen Tennesseer, der noch berühmter ist, als Jack. Und der heißt Elvis. Doch das ist eine andere Geschichte.

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