Francesco Clemente in der Albertina: Meister der Ambivalenz

Albertina zeigt zahlreiche Clemente-Selbstporträts © APA/Albertina

Mit dem italienisch-US-amerikanischen Künstler Francesco Clemente widmet die Albertina ab heute, Mittwoch, einer der Gründerfiguren der italienischen Transavantgarde eine umfassende Personale. Für Direktor Klaus Albrecht Schröder stellt die Schau des 70-Jährigen „einmal mehr unter Beweis, dass er ein Künstler der Ambivalenz ist: Hier gibt es kein klares Schwarz oder Weiß, Tag oder Nacht, Licht oder Schatten“. Ein Gutteil der 80 Werke stammt aus der Sammlung Jablonka.

„Man könnte glauben, dies sei eine Ausstellung zum 70. Geburtstag“, so Schröder bei der Presseführung. Allerdings sei die Schau bereits für 2020 geplant gewesen und habe wegen der Corona-Pandemie zweimal verschoben werden müssen. Nun ist es aber so weit und der Künstler selbst, der es als „wunderbar und zugleich beängstigend“ bezeichnete, in der Albertina auszustellen, ist für die Hängung der Arbeiten verantwortlich. Schröder erinnerte an eine „der einflussreichsten Ausstellungen“ im New Yorker Guggenheim-Museum im Jahr 1982, in der Clemente und seine italienischen Kollegen die „Ablöse von Minimal Art und Konzeptkunst“ eingeläutet und „zurück zur Figuration, zurück zur Mythologie“ gefunden hätten.

Den Anfang macht im ersten Saal „Der Aufbruch des Argonauten“: Clementes in den 1980er Jahren entstandenes erstes Künstlerbuch zu Texten von Alberto Savinio versammelte insgesamt 48 Lithografien, von denen einige in Wien zu sehen sind. Vom monochromen Schwarz geht es weiter in einen Saal, der ganz im Zeichen von Clementes Pastell-Arbeiten steht. Für Schröder ein bemerkenswerter Zugang, „weil Pastelle in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr rar waren“, wie er sagt. In rot und braun gehalten widmet er sich in den Arbeiten den Ritualen der afro-brasilianischen Religion „Candomblé“, deren Tempel „Terreiro“ genannt werden. Zu sehen sind in den eher abstrakten Arbeiten etwa Gesichter ohne Augen, verzierte Krüge oder ein Netz. Das Zentrum bildet das großformatige Gemälde „Kreuz des Südens“, das in Nahaufnahme zwei Paar Hände zeigt, die sich an den Zeigefingern und Daumen halten und so zu einer Sternform verbunden sind.

In kräftigem Rot, Schwarz und Weiß sind hingegen zahlreiche Selbstporträts den Künstlers gehalten, die jeweils durch surreale Elemente den Blick verändern. Deutlich farbenfroher ist eine Serie von Aquarellen, die mit „Italien, am Meer“ betitelt ist. Hier begegnet der Betrachter allerlei Meerestieren vom Delfin bis zum Oktopus, aber auch einer stilisierten Abbildung eines Tauchers sowie mythologischen Szenen mit Zentauren und Kriegern. Noch mehr Leuchtkraft entwickeln im Raum daneben schließlich die Arbeiten aus Clementes „Tarot“-Serie, in der er Familienmitglieder, Freunde und Künstler wie Jasper Johns („Der Hierophant / Der Papst“), Philip Glass („Das Gericht“) oder Edward Albee („Der Herrscher“) als Teil des Kartenspiels in Szene setzt.

Den Abschluss der abwechslungsreichen Schau durch den Kosmos des Künstlers bilden schließlich großformatige Arbeiten unter dem Titel „Indien“. Das südasiatische Land hat es dem Künstler in frühen Reisen angetan, noch heute verbringt er einen Teil seines Jahres dort. Die Gouachen auf handgeschöpftem Pondicherry-Papier wurden mit Baumwollstreifen zu einer Gitterstruktur zusammengefügt und von unterschiedlichen Künstlern nach Clementes Anweisungen ausgeführt. Hier schließt sich einmal mehr der Kreis zu der in Clementes Werk allgegenwärtigen Dualität, die sich etwa in den Arbeiten „Tag und Nacht“ oder „Hermaphrodite“ widerspiegelt.

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Ausstellung „Francesco Clemente“ in den Tietze Galleries der Albertina, bis 30. Oktober. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (29,90 Euro). Weitere Infos unter albertina.at

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