Franz Welser-Möst: „Vieles an Tiefgang ist beseitigt worden“

Franz Welser-Möst wird 60, veröffentlicht seine Autobiografie und dirigiert in Salzburg die „Elektra“

Beklagt in Zeiten von Corona auch die mangelnde Solidarität der Künstler untereinander: Franz Welser-Möst.
Beklagt in Zeiten von Corona auch die mangelnde Solidarität der Künstler untereinander: Franz Welser-Möst. © APA/Hochmuth

Selten gibt es so viele Anlässe, mit einem von Österreichs prominenten Aushängeschildern des Klassikbetriebes zu sprechen, wie derzeit mit Franz Welser-Möst: Der Dirigent wird am 16. August 60 Jahre alt, veröffentlicht am 10. August seine Autobiografie unter dem Titel „Als ich die Stille fand“ und am Samstag steht er zum Auftakt der Salzburger Festspiele am Pult der „Elektra“.

Der gebürtige Linzer über gewachsene Respektlosigkeit im Klassikbetrieb, die Parallelen von Alexander Pereira mit einem kleinen Kind und seine Freude an Besessenen.

MARTIN FICHTER-WÖSS: Sie galten stets als jemand, der sehr viel Wert auf sein Privatleben legt. In Ihrer Autobiografie „Als ich die Stille fand“ berichten Sie nun aber vieles, das durchaus intim ist. Was hat Sie dazu bewogen?

FRANZ WELSER-MÖST: Mein Ghostwriter Axel Brüggemann (lacht). Wir haben viele lange Gespräche geführt, die er zu Papier gebracht hat. Daraufhin ist dann ein langer Prozess der Korrekturen gefolgt, da es am Ende ja doch mein Buch werden sollte. Ich sehe es aber weniger als Autobiografie. Es geht darum, dass anhand von autobiografischen Teilen meines Lebens erzählt wird, welche Einstellung ich warum zu welchen Themen habe. Denn alles hat ja einen Hintergrund.

War Ihnen diese Zielrichtung von Beginn an klar?

Unser Zielpublikum war nicht von vornherein klar. Es hat sich erst sukzessive herausgestellt, dass es ein Buch ist, das jungen Künstlern Mut machen soll, eigene Wege zu gehen. Ich bin in meiner Karriere viel geprügelt worden. Aber wir leben in einer Zeit, in der es viele stromlinienförmige Karrieren gibt, bei denen man sich mit Äußerlichkeiten zufriedengibt.

Sehen Sie sich als ernsthaft arbeitender Künstler als aussterbende Spezies?

Ich treffe immer wieder junge Künstler, die dieses Showbusiness nicht wollen, was mich optimistisch macht. Entsprechend kämpfe ich an gegen das, was man einen Hype nennt. Ende der 80er-Jahre hat die Klassikbranche begonnen, ihre Produkte mit Methoden zu bewerben, die man aus dem Popbereich kannte. Das ging los mit CD-Covern, mit nassen T-Shirts und so weiter. Das hat vieles an Tiefgang beseitigt.

In diesem Zusammenhang sehen Sie auch die Rolle der Medien kritisch?

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Auf Seiten der Medien herrscht oft eine gewisse Respektlosigkeit. Respektlosigkeit geht immer Hand in Hand mit Oberflächlichkeit. Man kann sehr schnell über andere urteilen. Aber diese Schnelligkeit ist zugleich der Feind eines profunden Urteils. Je leichter man es sich macht, umso oberflächlicher ist es dann. Unser Betrieb braucht aber Ernsthaftigkeit. Wir sollten die Leute nicht für dumm verkaufen und ihnen ein X für ein U vormachen.

Sehen Sie den von Ihnen kritisierten Lärm der Zeit als allgemeines Phänomen unserer Epoche?

Kunst ist ja nicht abgenabelt von der Zeit, in der sie stattfindet, auch wenn sie – wie in meinem Fall — reproduzierende Kunst und mithin ein Handwerk ist. Ich finde es deshalb ja auch absurd, wenn reproduzierende Künstler als Genies bezeichnet werden. Aber wir leben in einer Zeit, in der alles ins Extreme gebracht werden muss. Die Sprache von Donald Trump ist da ja kein Einzelphänomen. Die Undifferenziertheit, gegen die kämpfe ich an.

Sie beleuchten in Ihrem Buch u. a. zwei Weggefährten ausführlich: Alexander Pereira und Dominique Meyer. Während Sie letzteren hart kritisieren, zollen Sie Pereira bei allen Konflikten doch auch großen Respekt. Dabei ist er doch der Großmeister des Verkaufens von Klassik…

Das stimmt zwar. Aber am Ende des Tages ist Pereira wie ein kleines Kind, das vor dem Christbaum steht und sich freut. Diese Art des Staunens, die er sich bewahrt hat, bedeutet, dass er nach wie vor für die Kunstform unglaublich brennt. Und das ist das Wichtigste.

Es ist also ein Verkaufen um der Sache willen…

Naja, das ist bei ihm doch ein wenig komplexer… Aber unter dem Strich ist er ein Besessener. Auch ein Markus Hinterhäuser ist ein Besessener. Und für Ioan Holender gilt das Gleiche. Wir brauchen diese Besessenen!

Heißt das, dass Ihr Konflikt mit Ex-Staatsopernchef Dominique Meyer daher rührt, dass Sie ihn hier nicht einordnen würden?

Ja. Ganz genau.

Sie haben jüngst konstatiert, dass die Staatsoper unter der Ägide von Meyer international an Relevanz verloren habe. Ist solch ein Schaden in absehbarer Zeit reparierbar?

Ich glaube, dass das Interesse ganz schnell wieder vorhanden ist, wenn interessante Projekte stattfinden.

Sehen Sie den vom neuen Staatsoperndirektor Bogdan Roscic verfolgten Ansatz, mit möglichst vielen, teils zugekauften Inszenierungen einen schnellen Repertoire-Wechsel zu erreichen, hier zweckdienlich?

Absolut. Die Gespräche mit Roscic, die ich in den drei Jahren seit seiner Ernennung geführt habe, haben mir gezeigt: Das ist ein hochintelligenter, leidenschaftlicher Mensch. Und er ist einer, der tatsächlich Berge versetzen will. Die ideale Voraussetzung, dass sich zumindest der eine oder andere Hügel bewegt. Natürlich kann nicht alles funktionieren, aber Roscic scheut kein Risiko — ein Zeichen von Leadership.

Ist nach Ihrem vorzeitigen Ausscheiden als Generalmusikdirektor der Staatsoper 2014 für Sie denkbar, so einen Posten nochmals anzunehmen?

Das ist endgültig für mich abgeschlossen. Das hat damit zu tun, dass man, wenn man an einem Opernhaus wirklich etwas bewegen will, zehn Jahre benötigt. Und ich werde nun 60 Jahre alt. Das mache ich nicht mehr.

Zugleich geht ein Dirigent ab einem gewissen Niveau ja nicht in Pension, oder?

Ich höre 2027 in Cleveland definitiv als Chefdirigent auf und werde dann nur mehr Projekte machen, die mir Freude bereiten. Wenn Sie 25 Jahre lang der Chef von einem der fünf besten Orchester der Welt waren, was will man da mehr? Man muss einfach auch zum rechten Moment gehen. Ich habe mir nie erträumt, dass ich so weit komme. Ich habe alles erreicht, was man als Dirigent erreichen kann. Ich denke nicht mehr an Karriere. Ich komme jetzt in eine Phase, in der es um Herzensangelegenheiten geht.

In der Coronakrise stellt sich die Frage: Kann das Kulturleben aus diesem Schock vielleicht zu neuem Zusammenhalt, zu neuer Qualität finden?

Ich habe vor kurzem mit (Pianist, Anm.) Igor Levit darüber gesprochen. Und wir waren uns beide einig: Die Hoffnung ist klein. Aber es ist immerhin eine Hoffnung.

Irreparable Schäden an der Kulturlandschaft befürchten Sie nicht?

Wichtig ist, dass der Humus, auf dem auch ich damals gewachsen bin — also die Kleinen, die die Basisarbeit leisten — nicht weggeräumt wird. Ein Beispiel dafür war die Jeunesse, die ursprünglich angekündigt hatte, dass sie sich die Konzerte in den Bundesländern nicht mehr leisten kann. Mich hat es schockiert, dass da kein Aufschrei erfolgt ist — weder von Künstlern noch Politikern. Aber so eine Krise deckt auch den wahren Charakter auf.

Sie hat das Desinteresse der Kulturpolitik überrascht?

Es ist leicht, immer auf die Politik zu schimpfen. Auch die mangelnde Solidarität unter den Künstlern hat mich schockiert.

Ein depressives Ende für unser Gespräch…

Ach nein: Die Hoffnung stirbt zuletzt!

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