Franzobel legt einen weiteren historischen Roman vor

Von seinem Roman „Das Floß der Medusa“ wurden 50.000 Stück verkauft. Nun hat der österreichische Autor Franzobel erneut einen dicken historischen Roman geschrieben. „Die Eroberung Amerikas“ erzählt in opulenten, oft grausamen Bildern von der fast 500 Jahre zurückliegenden Expedition des Hernando de Soto nach Florida. Im Interview berichtet der Autor von der Faszination für sein Sujet, den anstrengenden Recherche-Reisen und seinen unterschiedlichen „Kameraperspektiven“.

APA: „Das Floß der Medusa“ war unglaublich erfolgreich. Nun wieder ein historischer „Roman nach wahren Begebenheiten“. Sind Sie auf den Genre-Geschmack gekommen oder tragen Sie das Sujet schon länger mit sich herum?

Franzobel: Vermutlich beides. Ich liebe historische Abenteuerromane. Man erfährt viel über die Vergangenheit und damit indirekt auch über die Gegenwart. Indianer haben mich schon immer begeistert, als Kind war „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“ von Gus Backus meine Lieblingsmusik. Winnetou-Filme, Wildwest-Romantik. Und dann die Zeit der Renaissance: Reformation, Aufbruch, Humanismus, eine erste Moderne. Spanische Inquisition, Türkenkriege, Pest, Erfindung des Buchdrucks und die Entdeckung Amerikas … eine gewaltige Epoche. Dazu die Geschichte einer gescheiterten Eroberung, die auch als Parabel für das Leben oder die Gesellschaft fungieren kann.

APA: Was gab den Anstoß, sich mit der Figur des Hernando de Soto zu beschäftigen?

Franzobel: Mich hat die Geschichte von Anfang an gepackt und nicht mehr losgelassen. In Ferdinand Desoto, wie ich ihn schreibe, kulminiert die gesamte spanische Conquista: Er war zuerst in Panama, hat dann mit Pizarro Peru erobert, dem Inka-König Atahualpa Spanisch und Schach beigebracht, seine Schwester geschwängert. Als reicher und berühmter Mann ist Desoto nach Spanien zurückgekehrt. Er hätte ausgesorgt gehabt. Trotzdem ist er noch einmal aufgebrochen, um mit 800 Mann Florida zu erobern, was bombastisch gescheitert ist. Es gab eine Frau, die sich in Männerkleidern zu dem Trupp der Eroberer geschummelt hat. Bald nach der Ankunft in Florida wurde ein Spanier entdeckt, der zehn Jahre bei einem indigenen Stamm gelebt hat. Und dann noch eine unerfüllte Liebesgeschichte. Es gibt eine Unzahl faszinierender Details.

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APA: Wieviel historische Recherche ist für so ein Buch notwendig – und wie hat sie sich gestaltet?

Franzobel: Die Geschichte Desotos ist hierzulande unbekannt, es gibt auch nicht viele Primärquellen. Ich habe mir Bücher zu den spanischen Eroberern besorgt und mir viele Filme reingepfiffen. Dann war ich in Sevilla, um mir Original-Dokumente anzusehen. Schließlich habe ich versucht, den Eroberern hinterher zu reisen.

APA: Das war wohl ein Abenteuer für sich? Wie knapp sind Sie dabei dem Coronavirus (bzw. den entsprechenden Restriktionen) entkommen?

Franzobel: Die Reisen fanden vor Corona statt. Ich war in den USA, auf Kuba, in Algerien, Panama und Südamerika. Von Brasilien, das damals nur einen bestätigten Fall hatte, kehrte ich am 1. März 2020 zurück. Zwölf Tage später begann der Lockdown. In Spanien lernte ich den Chefrestaurator der Alhambra kennen, einen Experten für das 16. Jahrhundert. Dann erfuhr ich von einer Doktorandin, die über Desotos Frau forschte. Also bin ich nach Charlotte, North Carolina, geflogen, um mit ihr zu sprechen. Da habe ich viele Fakten erfahren, die mit der offiziellen Geschichtsschreibung nicht übereinstimmten. Praktisch musste ich mehrmals den halben Roman umschreiben. Viel Arbeit, aber notwendig, weil ich mich möglichst an die Fakten halten wollte.

APA: Sie haben sich zu einer Art postmodernen Zugang zur Geschichte entschlossen, sind zwar immer wieder mitten im Geschehen, bauen aber zwischendurch immer wieder (auch zeitliche) Distanz ein. Warum haben Sie diese Vorgangsweise gewählt?

Franzobel: Das liegt an der ungewöhnlichen Erzählperspektive. Normalerweise sitzt der Erzähler bei historischen Romanen in der erzählten Zeit, bei mir ist er in der Gegenwart verankert. Außerdem schlüpfe ich mit inneren Monologen in die handelnden Personen, was einen Perspektivenwechsel ermöglicht. Ich sehe solche Geschichten wie einen Film vor meinem inneren Auge. Als Erzähler versuche ich, möglichst viele Kameraperspektiven einzusetzen – Totale und Handycams. Dadurch hat sich ein ganz eigener Duktus entwickelt, den manche mögen, andere grässlich finden, aber für mich ist er schlüssig.

APA: Die von ihnen gewählte Zeit war voller Grausamkeiten, vor deren Beschreibung Sie auch nicht zurückschrecken. Welche Gratwanderung geht man da als Erzähler?

Franzobel: Auf Kuba hat nach der Ankunft Desotos ein ganzes Indianerdorf kollektiven Selbstmord gemacht. Grausame Foltermethoden waren an der Tagesordnung, die Eroberer hatten kanarische Doggen, die darauf abgerichtet waren, Menschen zu zerfleischen. Unter dem Vorwand der Christianisierung wurden Eingeborene niedergemetzelt. Schrecklich. Für einen Leser ist diese Grausamkeit nur erträglich, wenn sie durch die Erzählweise abgemildert wird. Auch Humor kann tröstlich sein. Das ist ein Grenzgang. Auf der einen Seite darf der Massenmord nicht verharmlost werden, auf der anderen soll es dem Leser nicht den Magen umdrehen. Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ oder Edgar Hilsenraths „Der Nazi & der Friseur“ haben gezeigt, wie so etwas funktionieren kann. Ich versuche, den Leser an der Hand zu nehmen, um ihn gut amüsiert durch ein Gruselkabinett zu geleiten. Das ist ein schmaler Grat, kann aber, wenn es glückt, Katharsis und Erkenntnis bringen.

APA: Ein Handlungsstrang spielt in der Gegenwart, es geht um den heutigen Umgang mit dem damals begangenen Unrecht. Wie sehr ist das Buch auch eine Art „Aufarbeitung“ bzw. Bewusstseinsmachung dessen, was Europäer anderen Völkern angetan haben?

Franzobel: Für mich hat sich vor allem die Frage gestellt, warum ausgerechnet das christliche Abendland die ganze Welt erobert hat? Hat das mit der Religion zu tun, mit dem Leitspruch „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott?“ Das weltweit begangene Unrecht der europäischen Kolonisatoren ist unermesslich. Letztlich ist unser heutiger Wohlstand darin begründet. Also ja, wenn wir über Entwicklungshilfe oder Flüchtlingspolitik diskutieren, dürfen wir nicht vergessen, dass wir jahrhundertelang andere Kontinente ausgebeutet und deren Bewohner versklavt haben. Im Roman wird da ein weiter Bogen gespannt, zum einen gibt es den New Yorker Anwalt, der die USA auf die Rückgabe des gesamten Staatsgebiets an die Native Americans fordert, zum anderen gibt es Passagen mit nordafrikanischen Piraten und Sklaven in Algier, weil die Berber und Türken waren auch keine Vaserln.

APA: Mit welchen Gefühlen sehen Sie dem Erscheinen Ihres Buches mitten in der Coronakrise entgegen, angesichts ungewisser Öffnung von Buchhandlungen und vermutlich noch längerer Zeit zumindest erschwerter, wenn nicht verunmöglichter Lesungen?

Franzobel: Für die unmittelbare Buchvermarktung ist der Lockdown eine Katastrophe. Lesungen und den Kontakt zum Publikum vermisse ich sehr. Aber gut, das lässt sich nun mal nicht ändern und ist gesundheitspolitisch notwendig. Das Buch ist nun zumindest einmal auf der Welt und kann zumindest Sehnsüchte nach Abenteuern und fernen Ländern stillen.

(Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – Franzobel: „Die Eroberung Amerikas“, Zsolnay Verlag, 544 Seiten, 26,80 Euro, ISBN 978-3-552-07227-5)

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