Franzobel plant als Dresdner Stadtschreiber Mauerfall-Roman

Der österreichische Schriftsteller Franzobel (“Rechtswalzer”) will als Dresdner Stadtschreiber einen Roman über den Mauerfall schreiben. “Natürlich interessieren mich Pegida und AfD als gesellschaftliche Phänomene”, sagte er der dpa vor seiner Antrittslesung in Sachsens Landeshauptstadt. Das sei ihm aber zeitlich noch zu nahe, “um darüber unpolemisch schreiben zu können”.

Zur DDR indes gebe es schon genügend Abstand, wobei Franzobel interessiert, “was daraus hätte werden können”. In seiner Vision sind Leute geblieben, um an einem idealen Staat weiterzubauen, “eine Art Utopia”, erzählte er. “Die Welt ist voller Horrorszenarien, so dass ich gerade Sehnsucht nach einem positiven Gegenstück habe, wozu sich die DDR als gedanklicher Ausgangspunkt vielleicht eignet.”

Toleranz und Humor sind laut seiner Ansicht gute Ansätze, um der Angst der Menschen und daraus erwachsenden Bewegungen wie Pegida zu begegnen. “Man muss die Leute ernst nehmen; man sollte auch nicht aus übertriebener politischer Korrektheit alles verdammen”, sagte der 53-Jährige. Zur Furcht, auf der Strecke zu bleiben, komme Angst um die kulturelle Identität. “Aber die sehe ich eher durch die Massenmedien bedroht als durch ein paar Kebabstände”.

Die Gefahr eines Abdriftens in die Diktatur – das Szenario in seinem Roman “Rechtswalzer” – besteht aus seiner Sicht auch in Deutschland. “Es ging mir darum zu zeigen, wie schnell sich eine halbwegs funktionierende Demokratie in eine Autokratie verwandeln lässt”, sagte er. “Und Corona hat vorgeführt, dass der dazu notwendige Hebel auch von ganz woanders kommen kann und plötzlich Dinge möglich sind, die man zuvor für undenkbar hielt.”

Franzobel ist der 25. Schriftsteller, der ein halbjähriges Stipendium und eine mietfreie Wohnung in der Elbestadt erhält. Sein vielfältiges Schaffen umfasst Prosa, Dramen und Lyrik ebenso wie Krimis und Kinderbücher. 1995 wurde er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, sein Roman “Das Floß der Medusa” war 2017 für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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