Friederike Mayröcker schreibt als “Debütantin des Todes”

In Interviews zu ihrem 95er hat Friederike Mayröcker Ende vergangenen Jahres betont, ihr neues Buch werde ihr letztes sein. Nun ist “da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete” erschienen: Das in seiner sprachlichen Radikalität einnehmende “Proem” sprengt einmal mehr nicht nur die Grenzen der Genres, sondern auch der Syntax. Am 20. August liest die Dichterin beim Literaturfestival “O-Töne”.

In beeindruckendem Rhythmus sind in den vergangenen Jahren neue Mayröcker-Bücher erschienen: Auf die Trilogie “études”, “cahier” und “fleurs” folgte 2018 “Pathos und Schwalbe”, nun, zwei Jahre darauf, der nächste Wurf. Auch wenn die 95-Jährige die in den vergangenen Jahren etablierte Form der datierten Einträge beibehalten hat, ist “da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete” deutlich weniger tagebuchhaft als seine Vorgänger, auch die überbordenden Diminutive vergangener Jahre finden sich nur mehr selten genauso wie ausufernde Nennungen von Blumen- und Vogelarten mittlerweile in den Hintergrund getreten sind.

Worum es diesmal eigentlich geht? Diese Frage beantwortet die einstige Jandl-Gefährtin in gewohnt kecker Manier gleich selbst: “man fragt mich was ist der Inhalt nämlich Schlepptau des neuen Buches, ich sage ‘verzage nicht!’ und sehe aufs Wintermeer hinaus, es geht um NICHTS und es geht um ALLES, vielleicht polyphon, es geht um Sensationen = ich meine Empfindungen, im Sinne v. Materie”, steht da am 2.3.18 geschrieben, an dem sie übrigens die gesammelten Gedichte Hölderlins wiedergefunden hat, wie die Autorin unter dem Datum verzeichnet hat. Was genau ein “Proem” ist, bringt sie einmal selbst auf den Punkt: “möchte mich ausweinen einmal ausweinen, polares Trippeln, ich schreibe Prosa mit einem lyrischen touch, usw.”.

Nach wie vor präsent sind – wie in vielen ihrer Bücher der vergangenen Jahre – Tränen. Und der Tod. Ob sie das Erscheinen des neuen Buches noch erleben werde, hatte sie vergangenen Winter in den Geburtstagsinterviews angezweifelt. Nun, Mayröcker lebt, versucht sich dem Tod schreibend anzunähern, was bisweilen sogar spielerisch klingt: “einsam bin ich mein Kamerad eine alte Hündin, ich Debütantin des Todes, steinig mein letzter Weg wohin sind Mutter und Vater und Freund usw.”, oder, an anderer Stelle: “die Lotterie meines Überlebens”. Dazwischen schaut man der Autorin lesend jedoch keineswegs beim Überleben zu, sondern beim Leben. Auch, wenn es oft ein Leben in Erinnerungen ist oder ein Leben im Betrachten von Bildern, Hören von Musik oder Lesen von Büchern.

Zahlreiche Namen von Kollegen wie Bewunderten finden sich – oftmals wiederkehrend – im Text. So scheint es der Autorin zuletzt etwa Arnulf Rainer angetan zu haben, dessen Arbeiten sie immer wieder aufgreift, auch Gerhard Rühm, Man Ray, Martha Jungwirth oder Heinrich Heine beschäftigen Mayröcker und regen sie zum freien Assoziieren an. Doch nicht nur die Kunst, auch der Alltag hat wie immer Platz, wenn es etwa heißt: “meine sneakers wie ich euch liebe”.

Auch das Schreiben selbst, auf ihrer alten Schreibmaschine, gießt sie immer wieder in starke Bilder: “Es war Winter geworden, oder Elysium, auf meinen beiden Daumen : Schwärze des Farbbands, ich meine, // möchte krepieren, Tiefschwarz.”, schrieb sie am 23. Dezember 2017, wenige Tage nach ihrem 93. Geburtstag. Fertiggestellt hat Mayröcker ihr jüngstes “Proem” am 3. November 2019. Mit dem eigenwilligen, mit einem Komma endenden Halbsatz: “weh mir : mein Augé,”.

Wie ist Ihre Meinung?