Für Tom Schilling „sind wir ja alle Moralisten“

Er ist seit Jahren einer der präsentesten Schauspieler im deutschsprachigen Raum: Tom Schilling. Während seine neue, mit David Schalko realisierte Serie „Ich und die anderen“ seit dem gestrigen Donnerstag auf Sky abrufbar ist, steht mit 6. August sein neuer Kinofilm „Fabian“ an. Zuvor sprach der Schauspieler mit der APA über die Menschen als Moralisten, warum es schwer ist, als gesunder Mensch von Schmerz zu erzählen und seine berufliche Achillesferse.

APA: Nach dem Coronalockdown geht der Trubel des Filmgeschäfts wieder los. Freuen Sie sich darüber?

Tom Schilling: Ich bin total froh. Ein Jahr ist einfach eine lange Zeit. Ich war hier vor 15 Monaten, um „Ich und die anderen“ von David Schalko zu drehen, wir mussten nach einer Woche aber wieder einpacken. Jetzt ist ein Jahr vergangen und ich durch verschiedene Gefühlszustände. Deshalb bin ich total froh, dass man wieder einmal rauskommt und unter Leute. (lacht)

APA: „Fabian“ ist momentan eines von vielen Werken, die sich wie etwa „Babylon Berlin“ oder „Berlin Alexanderplatz“ mit der Zwischenkriegszeit beschäftigen. Haben Sie eine Erklärung für dieses gesteigerte Interesse?

Schilling: Ich glaube nicht, dass es denjenigen, die sich inhaltlich mit einer Sache beschäftigen – seien das Drehbuchautoren, Regisseure oder Schauspieler – wirklich um einen Hype oder den Zeitgeist geht. Das fände ich total langweilig. Das Publikum muss etwas zum Zeitgeist machen. Das kann man nicht kalkulieren. Wenn gibt es diese Überlegungen vielleicht aufseiten der Geldgeber, die hoffen, dass man nach „Babylon Berlin“ vielleicht auch einen „Fabian“ leichter an den Mann bringt, zumal unser Film kein leichter Tobak ist, sondern ein tieferer, intimerer Film, der nicht so leicht wegzugucken ist.

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APA: Wie wichtig ist Ihnen die Form eines Filmes bei der Rollenwahl?

Schilling: Wenn ich mich mit einem Stoff befasse, muss irgendwas klicken. Das ist selten etwas Formalistisches. Das steht an letzter Stelle. Eigentlich setze ich es schon fast voraus, dass die Form interessant ist und man nicht gediegen und altbacken erzählt. Bei Dominik Graf ist aber toll, dass er das alles hinten anstellt. Ihm geht es eher darum, was zwischen den Schauspielern am Set passiert. Diese Art zu arbeiten, findet man heutzutage praktisch gar nicht mehr. Wir leben in einer Welt, in der die Hülle das Wichtigste ist, weil man den Film darüber verkauft: Coole Shots, ein paar bekannte Schauspieler, und dann ist das alles ein Selbstläufer. Das ist bei Dominik anders.

APA: Kästner bezeichnet seinen Fabian als Moralisten. Dabei ist er doch eigentlich ein passiver Beobachter. Sehen Sie ihn als Moralist?

Schilling: Fabian saugt das Nachtleben in sich auf, aber in Form der Autorenkrankheit: Nur zu leben, um danach alles literarisch zu verdauen. Er ärgert sich darüber, wie verkommen die Stadt ist, und ist doch Teil davon. In seiner Nichtpositionierung auf politischer Seite urteilt er ja auch und ist letzten Endes auch Moralist. Eigentlich sind wir ja alle Moralisten. Und das ist ja auch nicht schlimm. (lacht)

APA: Wie gehen Sie damit um, dass Fabian ja letztlich eine parabelhafte Figur auf das passive Bürgertum ist, das eben dadurch dem Nationalsozialismus den Weg ebnet?

Schilling: (lacht). Ich lege immer alles in eine Figur rein und finde die schon immer sehr echt. Das ist fast meine Achillesferse, dass ich immer alles echt und real machen möchte. Insofern hat meine Figur des Fabian für mich nichts Symbolhaftes. Alles, was diese Figur durchlebt, durchlebt sie durch meine Haut, meine Gefühle. Das macht es nicht immer leicht, aber so spiele ich halt. Ich kann keine Symbolfigur spielen.

APA: Viele Ihrer Figuren sind Außenseiter der Gesellschaft…

Schilling: Das verbindet sie bestimmt. Sie stehen ein wenig außerhalb der Gesellschaft. Mich interessieren immer Figuren, die ausgeschlossen sind.

APA: Werden Ihnen nur mehr solche Rollen angeboten?

Schilling: Nö. Ganz im Gegenteil. Aber vielleicht kann ich das andere nicht. (lacht) Bei Figuren, die stereotyp inmitten der Gesellschaft und in vollem Saft stehen, sehe ich als Schauspieler erstmal kein dramatisches Potenzial. Da fehlt die Spannung, die auch durch Sehnsucht und Schmerz entsteht. Ich glaube, dass letzten Endes jeder alleine ist.

APA: Entsprechen diese Protagonisten auch eher Ihrem Charakter?

Schilling: Man will sich als Schauspieler nicht wiederholen, aber es bringt auch nichts, sich zu sehr zu verbiegen. Es gibt schon für bestimmte Rollen eine perfekte Besetzung. Die Frage ist: Wovon kann ich etwas erzählen? Wenn ich von Schmerz und Traumata erzähle und selbst ein total gesunder Mensch bin, ist das schwerer. Dann muss man schon ein sehr, sehr guter Schauspieler sein. (lacht)

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

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